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Standardisierung und Homogenisierung der Softwarelandschaft

Standardisierung und Homogenisierung der Softwarelandschaft bezeichnen die Vereinheitlichung und oft auch Konsolidierung von heterogenen, aber demselben Einsatzzweck dienenden Anwendungssystemen und Infrastrukturkomponenten.

Standardisierung und Homogenisierung

Bei der Gestaltung der Softwarelandschaft eines Unternehmens liegt ein wesentliches Ziel in der Vereinheitlichung der im Einsatz befindlichen Systeme und Applikationen. Die Softwarelandschaft ist häufig historisch gewachsen und wird durch dezentrale Entscheidungen für unterschiedliche Systeme sowie durch individuelle Eigenentwicklungen oder auch Unternehmensfusionen heterogen geprägt. So befinden sich in verschiedenen Unternehmensbereichen häufig unterschiedliche ERP- oder CRM-Systeme im Einsatz oder auf den Rechnern der Anwender werden diverse Betriebssysteme oder Microsoft-Office-Versionen genutzt.

Häufig wird zwischen Homogenisierung als der eigentlichen Vereinheitlichung der Systeme und Standardisierung als demjenigen Spezialfall unterschieden, bei dem externe „Standards“ zur Anwendung kommen (bspw. der Austausch von Individuallösungen durch eine Standardsoftware wie SAP ERP) [Münstermann, Weitzel 2008]. Werden mehrere parallel betriebene Systeme durch ein einziges System abgelöst, spricht man auch von Konsolidierung.

Wesentliches Ziel der Vereinheitlichung der Systeme ist die Kostenreduktion (Synergien bei Betrieb, Lizenzen, Wartung, Weiterentwicklung usw.) [Ross 2003]. Auch der Austausch von Individualsystemen durch Standardsoftware kann zu substanziellen Kosteneinsparungen führen.  Daneben helfen diese Maßnahmen, redundante Datenbestände, Medienbrüche und Dateninkonsistenzen zu reduzieren. Der Einsatz von Standardsoftware fördert zudem die überbetriebliche Kompatibilität mit den Systemen von Geschäftspartnern und erleichtert somit die B2B-Integration und Outsourcing-Vorhaben.

Neben dieser Vereinheitlichung  der Systeme kann der Begriff der Standardisierung auch nur auf die Spezifikation von Schnittstellen zwischen den Systemen bezogen werden. Im diesem Fall werden nicht die unterschiedlichen Systeme vereinheitlicht, sondern Schnittstellenstandards spezifiziert, auf deren Basis die Systeme integriert werden. Individuell entwickelte Schnittstellen zwischen jeweils zwei Systemen werden durch eine unternehmensweite Middleware-Architektur ersetzt (vgl. Integration von Informationssystemen und die verschiedenen Middleware-Ansätze). Ziel dieses Vorgehens ist die Erhöhung der Kompatibilität und Flexibilität der Gesamt-IT-Infrastruktur. Als Folge lassen sich bestehende Systeme tendenziell leichter austauschen und neue Applikationen schneller in die Systemlandschaft einbinden. Auch im zwischenbetrieblichen Kontext spielt die Standardisierung von Schnittstellen eine wichtige Rolle, um Geschäftsprozesse unternehmensübergreifend integrieren zu können.

Standardisierungsvorhaben unterliegen in großen, dezentral organisierten Unternehmen häufig einem wesentlichen ökonomischen und organisatorischen Problem: Der Aufwand bei der Standardisierung fällt in den einzelnen Unternehmensbereichen an, die häufig ihr präferiertes und ggf. selbst entwickeltes System durch einen neuen, zentral vorgegebenen „Standard“ ersetzen müssen und u. U. auch die entstehenden Kosten tragen müssen. Der Nutzen der Standardisierung entsteht dagegen häufig an anderen Stellen oder auf Gesamtunternehmensebene (bspw. Einsparungen im IT-Betrieb). Diese asymmetrische Kosten-Nutzen-Verteilung führt zu Interessenkonflikten und dem sog. „Standardisierungsproblem“ [Buxmann, König, Weitzel 1999]. Es entstehen Widerstände, bei denen sich Unternehmensbereiche nicht hinreichend an Standardisierungsmaßnahmen beteiligen und zentralen Vorgaben widersetzen. Hierbei lassen sich zwei Szenarien unterscheiden [Weitzel, Beimborn, König 2006]: Im einfachen Fall profitieren zwar alle Unternehmenseinheiten von einer Standardisierung, aber ihnen ist diese „Win-Win-Situation“ nicht ausreichend transparent; zudem stehen ggf. unterschiedliche Standards zur Auswahl, die in den verschiedenen Bereichen zu unterschiedlich hohen Nutzenpotenzialen führen. Dieses Problem lässt sich durch eine zentral im Unternehmen eingeführte Standardisierungsgovernance (innerhalb der IT-Governance) adressieren, die durch das Quantifizieren und Aufzeigen der Nutzenpotenziale Transparenz für die Beteiligten herstellt und mit den Beteiligten durch geeignete Abstimmungsprozesse einen Konsens für den optimalen Standard anstrebt.

Im zweiten, problematischeren Fall erzielen einige Unternehmenseinheiten tatsächlich einen ökonomischen Verlust durch die Standardisierung, weil sie das für sie optimale System abgeben müssen oder für die Einführung des neuen Systems höhere Kosten tragen, als ihnen die Standardisierung Vorteile bringt. In diesem Fall müssen Quersubventionierungsmaßnahmen ergriffen werden, da über eine reguläre IT-Budgetierung dann kein kongruentes Verhalten aller Unternehmensbereiche sichergestellt werden kann. Häufig zentralisieren Unternehmen in diesem Zug ihren IT-Betrieb und die Finanzierung, um die Standardisierung erfolgreich im gesamten Unternehmen realisieren zu können.

Die Standardisierung der Softwarelandschaft des Unternehmens stellt also einen wichtigen und notwendigen Schritt zur Erreichung einer effizienten IT-Infrastruktur dar [Ross 2003], dessen Umsetzung allerdings aufgrund seiner Komplexität und entstehender Interessenskonflikte sehr schwierig sein kann.

Literatur

Buxmann, Peter ; König, Wolfgang ; Weitzel, Tim: Auswirkung alternativer Koordinationsmechanismen auf die Auswahl von Kommunikationsstandards. In: Zeitschrift für Betriebswirtschaft 69 (1999), Ergänzungsheft 2 Innovation und Absatz, S. 133-151.

Münstermann, Björn ; Weitzel, Tim: What Is Process Standardization? International Conference on Information Resource Management, Niagara Falls, 2008.

Ross, Jeanne W.: Creating a Strategic IT Architecture Competency: Learning in Stages. In: MISQ Executive 2 (2003), Nr. 1, S. 31-43.

Weitzel, Tim: The Economics of Standards in Information Networks. Heidelberg : Physica, 2004.

Weitzel, Tim ; Beimborn, Daniel ; König, Wolfgang: A Unified Model of Standard Diffusion: The Impact of Standardization Cost, Network Effects, and Network Topology. In: MIS Quarterly 30 (2006), Special Issue, S. 489-514.

 

Autor


 

Prof. Dr. Daniel Beimborn, Frankfurt School of Finance & Management, Sonnemannstr. 9-11, 60054 Frankfurt am Main

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Letzter Abruf: 27.03.2017 08:41
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