Benutzerspezifische Werkzeuge

Plattformstrategie

Softwareanbieter setzen gleich zweifach auf das Plattformkonzept: einmal um ihren Kunden attraktive funktionale Ergänzungen zu liefern und ein zweites Mal um die Wiederverwendung einmal erstellter Module zu fördern.

Zwei Arten von Plattformen

Als Softwareplattformen werden Softwaresysteme bezeichnet, die sich aus einem stabilen Kern und darauf aufbauenden Softwaremodulen oder Applikationen zusammensetzen. Dabei lassen sich zwei Plattformtypen voneinander abgrenzen [Buxmann et al. 2011]: Branchenplattformen sind Softwareprodukte die als Basis für komplementäre Applikationen dienen, die üblicherweise von verschiedenen Firmen eines gemeinsamen Ecosystems bzw. einer Branche erstellt werden. Davon abzugrenzen sind Produktplattformen, die durch die Wiederverwendung von Softwaremodulen ein Hilfsmittel zur effizienten Herstellung einer Vielzahl von funktional ähnlichen Softwareprodukten darstellen. Nachfolgend sind die wesentlichen Strategien beim Aufbau beider Arten von Plattformen skizziert.

Strategien für den Aufbau von Branchenplattformen

Das primäre Ziel der Betreiber von Branchenplattformen liegt darin, die Attraktivität der eigenen Plattform durch ein möglichst breites Angebot komplementärer Applikationen für eine möglichst große Gruppe von Endkunden sicherzustellen [Gawer 2009]. Die strategische Herausforderung resultiert dabei aus dem Trade-Off zwischen Vielfalt und Kontrolle. Durch eine Öffnung der Plattform gegenüber externen Entwicklern kann die Vielfalt komplementärer Innovationen gesteigert werden. Gleichzeitig kann die Plattformöffnung jedoch auch zu einem Verlust an Kontrolle über die Plattform führen [Hilkert 2012].

Die zweite Herausforderung für Betreiber von Branchenplattformen besteht in der Preissetzung. Spezifisch ist, dass für den Betreiber einer Plattform sowohl die Endkunden als auch die Anbieter komplementärer Applikationen relevant sind. Beide Märkte sind dabei miteinander verbunden, da der Umfang des Angebots von Applikationen die Attraktivität der Plattform für Endkunden steigert aber umgekehrt Applikationen nur für Plattformen entwickelt werden, die auch eine hinreichende Zahl von Endkunden als Nutzer erwarten lässt. Diese Problematik lässt sich mit dem Konstrukt der zweiseitigen Märkte erfassen [Rochet, Tirole 2006]. So lässt sich z.B. zeigen, dass die skizzierte „Henne-Ei“ Problematik durch die gezielte Subventionierung einer der beiden Marktseiten gelöst werden kann.

Ein Beispiel für die erfolgreiche Etablierung einer Software-Branchenplattform ist der von Apple betriebene App Store für iPhone und iPad Applikationen. Durch die Öffnung Smartphone-Plattform gegenüber Entwicklern von Applikationen haben Endkunden zwischenzeitig über 425.000 Applikationen zur Auswahl. Apple hat für seinen App Store auf die Subventionierung von Komplementären verzichtet, erhält aber im Standardfall 30 % der über die Plattform erzielten Umsätze von den Komplementären.

Strategien für den Aufbau von Produktplattformen

Bei der Einführung von Produktplattformen steht die Reduktion der Kosten der Software-Entwicklung im Fokus. Das konkrete Ziel ist, eine gegebene Menge an Softwareprodukten mit einer möglichst geringen Zahl an Modulen zu entwickeln bzw. mit einer gegebenen Zahl an Modulen eine möglichst große Zahl an Varianten eines Produktes am Markt präsentieren zu können. Eine Vielzahl von Unternehmen, sowohl Anwender-Unternehmen als auch spezialisierte Software-Unternehmen, versucht sich seit Jahren an derartigen Projekten – mit unterschiedlichem Erfolg.

Zu beachten ist, dass sich die Kostenstruktur in der Software-Entwicklung durch die Einführung einer Produktplattform deutlich ändert. Für das entwickelnde Unternehmen bedeutet die Einführung einer Produktplattform zunächst, dass nicht unerhebliche Investitionen in den Aufbau der Plattform getätigt werden müssen. Zudem entstehen Kosten für die Einbindung jedes in der Plattform abgelegten Moduls in die Produkte. Diese Kosten werden typischerweise nur dann überkompensiert, wenn die Produkte fachlich ähnlich sind und eine größere Zahl von Modulen in mehreren Produkten verwendet werden können [Baldwin und Clark 1997].

Eine wesentliche Herausforderung für Softwareunternehmen besteht darin, die recht abstrakte Idee der Produktplattformen organisatorisch umzusetzen. Erste Ansatzpunkte hierfür finden sich in neueren Konzepten der komponentenorientierten Software-Entwicklung sowie in der Idee der Produktlinien.

Literatur

Baldwin C.Y. ; Clark K.B. (1997): Managing in an age of modularity. In: Harvard Business Review 75 (1997), S. 84-93.

Buxmann, P. ; Diefenbach, H. Hess, T.: Die Software-Industrie. 2. Auflage, Berlin u.a. 2011.

Gawer, A. (Hrsg.): Platforms, Markets and Innovation. Edward Elgar, London 2009.

Hilkert, D. (Hrsg.): Das Partnermanagement in Softwareplattformen. epubli GmbH, Berlin 2012.

Rochet, J. ; Tirole, J.: Two-sided Markets: A Progress Report. In: The RAND Journal of Economics 37 (2006) 3, S. 645-667.

Autor


Prof. Dr. Thomas Hess, Institut für Wirtschaftsinformatik und Neue Medien, Ludwig-Maximilians-Universität München

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Zuletzt bearbeitet: 08.05.2015 15:05
Letzter Abruf: 25.09.2017 06:30
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