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Einsatzvoraussetzungen für Standardsoftware

Bei der Einführung neuer Informationssysteme kann Standard- oder Individualsoftware ausgewählt werden. Standardsoftware ist für viele Einsatzbereiche erhältlich und bietet im Regelfall viele Vorteile. Ob diese Vorteile im Unternehmen zum Tragen kommen, hängt von technischen und organisatorischen Einsatzvoraussetzungen ab.

Bei der Beschaffung von Anwendungssoftware sollte zunächst geprüft werden, ob die Einsatzvoraussetzungen für Standardsoftware gegeben sind oder ob Individualsoftware entwickelt werden muss [Stahlknecht, Hasenkamp 2005, S. 295]. Der Einsatz von Standardsoftware kann gegenüber Individualsoftware Zeit- und Kostenvorteile bieten [Hansen, Neumann 2009, S. 666]. Dennoch bleibt die Entwicklung von Individualsoftware auch bei dem großen Angebot von Standardsoftware für spezielle Bereiche als einzige Möglichkeit übrig [Mertens et al. 2010, S. 24]. Software- und Systemhäuser entwickeln Standardsoftware nur für solche Bereiche, in denen sie eine ausreichend große Anwenderzahl erwarten [Hansen, Neumann 2009, S. 667]. Dies ist umso unwahrscheinlicher, je enger die zu beschaffende Software am Markt oder Produkt des auswählenden Unternehmens ausgerichtet sein muss [Keil, Lang 1998, S. 851].

Einsatzvoraussetzungen

Zur Prüfung, ob eine Standardsoftware angeschafft werden soll, können die (technischen und organisatorischen) Einsatzvoraussetzungen für Standardsoftware herangezogen werden [Mertens et al. 2010, S. 139].

Technisch

Bei der Auswahl und Einführung von Standardsoftware müssen die technischen Einsatzvoraussetzungen, die von der im Unternehmen vorliegenden IT-Infrastruktur determiniert werden, mit einbezogen werden. Ist die IT-Infrastruktur veraltet oder kontraproduktiv, kann die Einführung einer neuen Standardsoftware zur Ablösung von Altsystemen genutzt werden [Suhl, Blumstengel 2002, S. 359]. Im Regelfall müssen aber zumindest Teile der vorliegenden IT-Infrastruktur für eine neue Software genutzt werden. Dies engt die Freiheitsgrade bei der Auswahl und Einführung einer Standardsoftware ein, da dann technische Einsatzvoraussetzungen wie bspw. bestimmte Schnittstellen, Protokolle oder Programmiersprachen erfüllt werden müssen [Hansen, Neumann 2009, S. 146-147]. Gibt es keine Standardsoftware, die die technischen Rahmenbedingungen erfüllt, so muss Individualsoftware eingesetzt werden [Schwarzer, Krcmar 2004, S. 225]. Die technischen Einsatzvoraussetzungen sind weniger relevant, wenn die Standardsoftware nicht in eigener Regie betrieben sondern über Outsourcing bezogen wird.

Organisatorisch

Organisatorische Voraussetzung für den sinnvollen Einsatz von Standardsoftware ist, dass die Anforderungen des Unternehmens wenigstens weitestgehend mit den Merkmalen der am Softwaremarkt verfügbaren Standardsoftware übereinstimmen [Mertens et al. 2010, S. 139]. Bei Abweichungen sollte geprüft werden, ob diese relevant für die Erlangung oder Beibehaltung von Wettbewerbsvorteilen sind [Stahlknecht, Hasenkamp 2005, S. 295]. Sind die Abweichungen nicht wettbewerbsrelevant, so sollte das Unternehmen ggf. auf die Umsetzung einiger Anforderungen verzichten bzw. lediglich diese Teile im Rahmen einer Erweiterungsprogrammierung ergänzen, anstatt die Standardsoftware zu verändern oder gar Individualsoftware zu beschaffen [Mertens et al. 2010, S. 139-140].

Standardsoftware steht der Realisierung von Wettbewerbsvorteilen nicht prinzipiell entgegen, vielmehr können durch individuelles Customizing in der gleichen Standardsoftware durchaus wettbewerbsrelevante Unterschiede entstehen [Keil, Lang 1998, S. 853-855]. Umgekehrt kann Standardsoftware – gerade KMU – die Möglichkeit geben, aktuelle betriebswirtschaftliche Instrumente und Methoden einzusetzen, die als „best practices“ – resultierend aus den Erfahrungen bisheriger Installationen – in Standardsoftware abgelegt sind [Stahlknecht, Hasenkamp 2005, S. 295].

Grundsätzlich sind verschiedene Anwendungsbereiche im Unternehmen unterschiedlich gut standardisierbar. Besonders Bereiche, für die entweder gesetzliche Normen oder erprobte betriebswirtschaftliche Modelle vorliegen, eignen sich für den Einsatz von Standardsoftware (bspw. Finanzbuchhaltung oder Lohn- und Gehaltsabrechnung) [Suhl, Blumstengel 2002, S. 371-372].

Literatur

Hansen, Hans Robert ; Neumann, Gustaf: Wirtschaftsinformatik 1. Grundlagen und Anwendungen. 10. Auflage. Stuttgart : Lucius&Lucius, 2009.

Keil, Clemens ; Lang, Carsten: Standardsoftware und organisatorische Flexibilität - Eine Untersuchung am Beispiel der Siemens AG -. In: ZfBF 50 (1998), Heft 9, S. 847-862.

Mertens, Peter ; Bodendorf, Freimut ; König, Wolfgang ; Picot, Arnold ; Schumann, Matthias ; Hess, Thomas: Grundzüge der Wirtschaftsinformatik, 10. Auflage. Berlin, Heidelberg, New York : Springer, 2010.

Schwarzer, Bettina ; Krcmar, Helmut: Wirtschaftsinformatik. Grundzüge der betrieblichen Datenverarbeitung. 3. Auflage. Stuttgart : Schäffer-Poeschel, 2004.

Stahlknecht, Peter ; Hasenkamp, Ulrich: Einführung in die Wirtschaftsinformatik. 11. Auflage. Berlin, Heidelberg, New York : Springer, 2005.

Suhl, Leena ; Blumstengel, Astrid: Systementwicklung. In: Fischer, Joachim ; Herold, Werner ; Dangelmaier, Wilhelm ; Nastansky, Ludwig ; Suhl, Leena (Hrsg.): Bausteine der Wirtschaftsinformatik. Grundlagen, Anwendungen, PC-Praxis. 3. Auflage. Berlin : Erich Schmidt, 2002, S. 323-404.

 

Autoren


 

Dr. Volker Lanninger, Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Operations Research, Prof. Dr. Oliver Wendt, Technische Universität Kaiserslautern, Postfach 3049, D-67653 Kaiserslautern

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Prof. Dr. Oliver Wendt, TU Kaiserslautern, Wirtschaftsinformatik und Operations Research

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Zuletzt bearbeitet: 04.11.2012 21:05
Letzter Abruf: 24.05.2017 04:24
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