Benutzerspezifische Werkzeuge

Erweiterungsprogrammierung

Erweiterungsprogrammierung wird zur anwenderspezifischen Ergänzung und Anpassung einer Standardsoftware genutzt, wenn die Möglichkeiten des Customizing i. e. S. – Konfiguration und Parametrisierung – nicht ausreichen. Ergänzungen werden über standardisierte User-Exits angebunden, bei Anpassungen der Standardsoftware kann dagegen die Releasefähigkeit verloren gehen.

Notwendigkeit der Erweiterungsprogrammierung

Auf die Möglichkeit der Erweiterungsprogrammierung (auch: Individualprogrammierung) wird im Rahmen des Customizing von Standardsoftware (i. w. S.) zurückgegriffen, wenn der durch Konfiguration und Parametrisierung (Customizing i. e. S.) zur Anpassung der Standardsoftware an das Unternehmen vorgegebene Rahmen nicht ausreicht [Hansen, Neumann 2009, S. 668]. Trotz aller Möglichkeiten des Customizing i. e. S. kann Standardsoftware (ohne zusätzliche Erweiterungsprogrammierung) nur in geringerem Maße an individuelle Anwenderbedürfnisse angepasst werden, als es bei der Verwendung von Individualsoftware möglich wäre [Mertens et al. 2010, S. 29].

Durchführung, Grenzen und Alternative der Erweiterungsprogrammierung

Durchführung

Mittels Erweiterungsprogrammierung kann individuelle Software zur Ergänzung oder Veränderung von Standardsoftware erstellt werden, um anwenderspezifische Anforderungen zu berücksichtigen, die im Rahmen des Customizing i. e. S. nicht umgesetzt werden können. Zur Verknüpfung von Erweiterungsprogrammen mit der Standardsoftware werden seitens des Software- bzw. Systemhauses Schnittstellen (sog. User-Exits) festgelegt [Horváth, Petsch, Weihe 1986, S. 123].

Darüber hinaus werden mit den Standardsoftware-Systemen häufig bereits Werkzeuge und Programmierumgebungen ausgeliefert, die die Erweiterungsprogrammierung erleichtern sollen (bspw. die SAP ABAP Workbench) [Hansen, Neumann 2009, S. 668]. Zur Erweitungsprogrammierung können proprietäre Sprachen wie ABAP/4 für SAP und auch standardisierte Programmiersprachen wie Java zum Einsatz kommen.

Ergänzungsprogramme können als Komplementärsoftware zur Standardsoftware (sog. Add-ons) ebenfalls auf dem Softwaremarkt angeboten werden. Insbesondere wenn die Erweiterungsprogrammierung nicht durch den Anwender selbst sondern durch externe Berater vorgenommen wird, kann bereits bei der Entwicklung der Ergänzungsprogramme deren Vermarktungsfähigkeit geprüft und gefördert werden. Die Anbieter der Standardsoftware unterstützen solche Entwicklungen häufig, um mögliche funktionale Lücken ihre Standardsoftware in speziellen Bereichen abzudecken (so bietet SAP bspw. ein umfangreiches Zertifizierungsprogramm für Add-ons).

Grenzen

Ergänzungsprogramme können grundsätzlich sowohl zur Veränderung als auch zur reinen Erweiterung der Standardsoftware verwendet werden [Stahlknecht, Hasenkamp 2005, S. 298]. Bei der Veränderung der Standardsoftware kommt es allerdings zumeist zu Problemen mit den vom Anbieter zugesicherten Serviceleistungen und Garantien [Horváth, Petsch, Weihe 1986, S. 214]. Insbesondere kann durch die Veränderung der Standardsoftware die Releasefähigkeit verloren gehen. Bei neuen Releases der Standardsoftware müssen dann die Veränderungen geprüft und ggf. erneut vorgenommen werden [Horváth, Petsch, Weihe 1986, S. 124]. Bei Ergänzungen, die über definierte User-Exits an die Standardsoftware angebunden werden, tritt dieses Problem i. d. R. nicht auf, da die User-Exits bei Releasewechseln konstant gehalten werden. Grundsätzlich wird die Standardsoftware umso mehr in Richtung Individualsoftware (mit allen Vor- und Nachteilen) gerückt, je stärker individualisiert wird bzw. werden muss [Becker et al. 2004, S. 63].

Alternative

Falls sowohl die Methoden des Customizing i e. S. als auch Erweiterungsprogrammierungen nicht ausreichen, um die Anforderungen des Unternehmens abzubilden, bleiben alternativ noch die (teilweise) Anpassung des Unternehmens an die Standardsoftware sowie die komplette Eigenentwicklung [Stahlknecht, Hasenkamp 2005, S. 298]. Die Anpassung des Unternehmens an die Standardsoftware ist allerdings nur dann sinnvoll, wenn das Unternehmen dadurch keine Wettbewerbsvorteile einbüßt sondern von den so genannten „best practices“ der Standardsoftwareanbieter profitiert. Bei der Entscheidung für die komplette Neuentwicklung einer Individualsoftware können zwar die Anforderungen des Unternehmens bestmöglich umgesetzt werden, allerdings sollten die Einsatzvoraussetzungen für Standardsoftware nochmals kritisch geprüft werden. Individualsoftware weist einige Nachteile auf, nicht zuletzt ist es i. d. R. die teuerste Lösung.

Literatur

Becker, Mario ; Haberfellner, Reinhard ; Liebetrau, Georg ; Vössner, Siegfried: EDV-Wissen für Anwender. 13. Auflage. Zürich : Verlag Industrielle Organisation, 2004.

Hansen, Hans Robert ; Neumann, Gustaf: Wirtschaftsinformatik 1. Grundlagen und Anwendungen. 10. Auflage. Stuttgart : Lucius&Lucius, 2009.

Horváth, Péter ; Petsch, Manfred ; Weihe, Michael: Standard-Anwendungssoftware für das Rechnungswesen. 2. Auflage. München : Vahlen, 1986.

Mertens, Peter ; Bodendorf, Freimut ; König, Wolfgang ; Picot, Arnold ; Schumann, Matthias ; Hess, Thomas: Grundzüge der Wirtschaftsinformatik. 10. Auflage. Berlin, Heidelberg, New York : Springer, 2010.

Stahlknecht, Peter ; Hasenkamp, Ulrich: Einführung in die Wirtschaftsinformatik. 11. Auflage. Berlin, Heidelberg, New York : Springer, 2005.

 

Autoren


 

Dr. Volker Lanninger, Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Operations Research, Prof. Dr. Oliver Wendt, Technische Universität Kaiserslautern, Postfach 3049, D-67653 Kaiserslautern

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Prof. Dr. Oliver Wendt, TU Kaiserslautern, Wirtschaftsinformatik und Operations Research

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Zuletzt bearbeitet: 25.10.2012 12:40
Letzter Abruf: 17.11.2017 22:19
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