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Retrograde Terminierung (RT)

Die Retrograde Terminierung ist ein duales Steuerungskonzept zur Zeit- und Kapazitätsplanung bei auftragsorientierter Einzel- und Variantenfertigung. Zweck der terminlichen Grobplanung ist es, die generellen Einflüsse der Auftragsreihenfolge und flexibler Personalkapazitäten zu analysieren und den Auftragsfluss im Sinne der Steuerungsziele zu koordinieren.

Steuerungskonzept der Retrograden Terminierung

Als Konsequenz des Marktwandels ergibt sich für die Fertigungssteuerung die Forderung, den aus der steigenden Komplexität der Produktion resultierenden mengenmäßigen und zeitlichen Koordinationsbedarf zu decken [Adam 1998, S. 28 ff]. Absatzwirtschaftliche, zeitbezogene Ziele wie kurze Auftragsabwicklungszeiten und hohe Ter­mintreue treten in den Vordergrund. Damit wächst die Bedeutung der Zeitwirtschaft innerhalb der Produktionsplanung und -steuerung. Klassische PPS-Konzepte werden diesen Anforderun­gen aufgrund konzeptioneller Schwächen nur unzureichend gerecht [Adam 1992, S. 20 ff].

Das Steuerungskonzept der Retrograden Terminierung (RT) geht von einer auftragsorientierten Einzel- und Variantenferti­gung mit stark streuenden Durchlaufzeiten aus, wie sie für den Maschinen- und Anlagenbau oder auch im Spezialfahrzeugbau typisch ist. Die RT ist ein Baustein zur Zeit- und Kapazitäts­wirtschaft bei auftragsorientierter Werkstatt- oder Gruppenfertigung mit vernetzten Produk­tionsstrukturen, diskontinuierlichem Materialfluss, Different Routing und personalorientierten Kapazitäten. Ziel des Planungsansatzes ist es, den Auftragsfluss im Sinne der Steuerungsziele hohe Termintreue, kurze Durchlaufzeiten, geringe Lagerbestände und hohe Auslastung zu verbessern [Corsten, Gössinger 2012, S. 611].

Die Planungsphilosophie der RT ist durch folgende Merkmale zu kennzeichnen [Sibbel 1998, S. 18 ff]:

Duales Steuerungskonzept

Mit der RT werden zentral Ecktermine für den Soll-Fortschritt in den gebildeten Steuereinheiten geplant, Personalkapazitäten zugeordnet und Vorschläge für die Auftragsreihenfolge unter­breitet, die dezentral für die einzelnen Arbeitsplätze und zu bearbeitenden Arbeitsgänge weiter ausgestaltet werden müssen. Die RT lässt sich deshalb als zentrales Grobkoordinationsinstru­ment für dezentrale Steuerungsentscheidungen kennzeichnen [Corsten, Gössinger 2012, S. 612 f].

Der Grobterminierung liegt eine organisatorische Grobstrukturierung der Fertigung in Steuer­einheiten und ein Tagesraster zugrunde.

Rollierende Planung

Der Planungshorizont umfasst den Zeitraum bis zum spätesten Liefertermin der aktuell vorlie­genden Aufträge. Dadurch werden alle relevanten zeitlichen Kopplungen zwischen den Aufträ­gen erfasst. Der rollierende Planungsmodus gestattet es, die Planungen bei neu hinzutretenden Aufträgen anzupassen und den Ist-Fertigungsfortschritt laufend zu berücksichtigen. 

Grundlage der Planung sind die reinen Operationszeiten (Fertigungszeiten einschließlich Rüst­zeiten) sowie etwaige Übergangszeiten zwischen den Steuereinheiten. Die Auftragsdurchlauf­zeiten sind in der RT nicht Grundlage, sondern Ergebnis der Steuerung.

Planungsverfahren

Bei der RT handelt es sich um ein dreistufiges, rückgekoppeltes Planungssystem, das mehrfach durchlaufen werden kann, um das Niveau der Zielgrößen zu verbessern. In der ersten Stufe, der Wunschterminierung, werden auf der Basis der Operationszeiten für jeden Auftrag retro­grad vom Liefertermin ausgehend Wunschtermine für den Fertigungsbeginn in jeder Steuer­einheit ermittelt. Diese Termine dienen lediglich als Prioritäten in den nachfolgenden Stufen, um die Aufträge in eine Reihenfolge zu bringen, die geringe Verzugszeiten erwarten lässt. Es sind aber auch andere Prioritäten zulässig.

In der zweiten Stufe wird eine erste zulässige Belegung der Steuereinheiten bestimmt. Die Zuordnung des flexiblen Teils des Personals auf die Steuereinheiten erfolgt so, dass ein mög­lichst hoher Arbeitsfortschritt erwartet werden kann. Der resultierende Kapazitätsbelegungs­plan ist einerseits sehr dicht, weist aber andererseits noch Koordinationsdefizite an Material­knotenpunkten und eine unzureichende Abstimmung von Fertigungsend- und Lieferterminen auf.

In der dritten Stufe wird versucht, diese Nachteile zu überwinden. Für die nicht verspäteten Aufträge werden Arbeitsgänge soweit in die Zukunft verschoben, dass geplantes Produktions­ende und Liefertermin möglichst übereinstimmen. Durch die Verschiebung werden einerseits die Durchlaufzeiten reduziert, andererseits entstehen im Kapazitätsbelegungsplan aber Lücken. Der Belegungsplan der dritten Stufe zeichnet sich somit durch höhere Stillstands­zeiten aus.

Durch wiederholte Durchläufe durch die zweite und dritte Stufe wird versucht, die ursprünglich verspäteten Aufträge in die Kapazitätslücken zu platzieren, um sie dann wiederum an die Lie­fertermine anzupassen [Corsten, Gössinger 2012, S. 614 ff].

Entscheidungsunterstützung durch Simulation

Durch Einstellung verschiedener Parameter kann der Disponent deren Wirkungen auf die Ziel­größen per Simulation studieren. Die Steuerparameter beziehen alle kurzfristigen Determi­nanten der Ablaufplanung – Freigabe, Auftragsreihenfolge, Kapazitätsangebot, Auftragsgrößen – mit ein und ermöglichen damit eine zielorientierte Ausgestaltung der Planungsergebnisse.

Literaturverzeichnis

Adam, D., Produktions-Management. 9. Auflage, Wiesbaden : Dr. Th. Gabler Verlag, 1998.

Adam, D., Fertigungssteuerung. Schriften zur Unternehmensführung, Band 38/39, Wiesbaden, 1992.

Corsten, H., Gössinger, R., Prodkutionswirtschaft, 13. Auflage, München : Oldenbourg, 2012.

Sibbel, R., Fuzzy-Logik in der Fertigungssteuerung am Beispiel der Retrograden Terminierung. Münster : LIT, 1998.

 

 

Autoren


 

Prof. Dr. em. Dietrich Adam, Westfälische Wilhems-Universität Münster, Institut für Industrie- und Krankenhausbetriebslehre, Universitätsstr. 14 – 16, 48143 Münster

Autoreninfo


 

Prof. Dr. Rainer Sibbel, Frankfurt School of Finance & Management, Institute for International Health Management, Sonnemannstraße 9-11, 60314 Frankfurt am Main

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Zuletzt bearbeitet: 27.08.2014 10:30
Letzter Abruf: 29.04.2017 11:21
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