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Um der im Rahmen des Supply Chain Management wiederkehrenden Herausforderung der Auftragsselektion zu begegnen, haben sich unter den Schlagworten Available to Promise, Capable to Promise oder Verfügbarkeitsplanung Konzepte herausgebildet, mit deren Hilfe bestimmt werden kann, ob und bis zu welchen Lieferterminen und mit welchen Liefermengen aktuell angefragte Kundenaufträge erfüllt werden können.

Das in der betriebswirtschaftlichen Literatur behandelte Problem der Auftragsselektion wird im Rahmen des Supply Chain Management unter den Schlagworten Available to Promise, Capable to Promise oder Verfügbarkeitsplanung thematisiert. Ziel ist es, zu bestimmen, ob und bis zu welchen Lieferterminen und mit welchen Liefermengen aktuell angefragte Kundenaufträge erfüllt werden können. Der entscheidende Unterschied zum „klassischen Problem“ der Auftragsselektion besteht damit in dem unternehmungsübergreifenden Kontext, der größere Freiheitsgrade bei der Reaktion auf Kundenanfragen eröffnet und folglich mit einer größeren Problemkomplexität verbunden ist. Auf der Grundlage der Kriterien Auslöser des Planungsprozesses und Objekt der Verfügbarkeitsplanung lassen sich die Ansätze zur Verfügbarkeitsplanung systematisieren [vgl. Pibernik 2002]. Auslöser des Planungsprozesses kann entweder eine aktuell eintreffende Kundenanfrage, auf die unmittelbar zu reagieren ist, oder der Ablauf eines definierten Zeitintervalls sein, in dem die eintreffenden Kundenanfragen zunächst gesammelt und nach Abschluss des Intervalls einer integrativen Planung unterzogen werden. Während im zuerst genannten Fall von zeitpunktbezogenen Ansätzen gesprochen wird, liegen im zuletzt genannten Fall zeitraumbezogene Ansätze vor. In Abhängigkeit von der Lage des Kundenauftragsentkoppelungspunktes in einer Supply Chain ist es notwendig, unterschiedliche Objekte der Verfügbarkeitsplanung heranzuziehen [Fischer 2001]. Erfolgt die Individualisierung der Produkte auf den kundennahen Supply-Chain-Stufen, d.h., es liegt eine Make-to-Stock-Konfiguration vor, dann ist eine Verfügbarkeitsplanung auf der Ebene der Endprodukte möglich. Je kundenferner der Kundenauftragsentkoppelungspunkt in der Supply Chain positioniert ist, um so mehr ist es erforderlich, bei der Verfügbarkeitsprüfung zusätzlich die Bestände der Zwischenprodukte und die vorhandenen Kapazitäten, um aus diesen Zwischenprodukten Endprodukte zu produzieren, zu berücksichtigen. Aus dieser Perspektive ist es möglich, die beiden folgenden Ausprägungen zu unterscheiden [Günther, Tempelmeier 2012]:

  • Available-to-Promise-Ansätze: Auf der Endproduktebene wird untersucht, ob es aufgrund der aktuellen Lagerbestände, der geplanten Lagerzugänge und der bereits bestehenden Lieferverpflichtungen möglich ist, die angefragte Menge zum angefragten Liefertermin auszuliefern.
  • Capable-to-Promise-Ansätze: Es wird überprüft, ob die vom Kunden angefragten Leerzeiten und Leermengen aufgrund der Zwischenproduktbestände am Kundenauftragsentkoppelungspunkt und der noch frei verfügbaren Kapazität durch die nachgelagerten Supply-Chain-Stufen erfüllt werden können.

Es ergibt sich damit die in Abb. 1 dargestellte Systematik [Pibernik 2002, S. 352].

Klassifikation der Ansätze zur Verfügbarkeitsplanung

Abb. 1: Klassifikation der Ansätze zur Verfügbarkeitsplanung

Zeitpunktbezogene Ansätze sind darauf ausgerichtet, dem Kunden als unmittelbare Reaktion auf seine Anfrage eine verlässliche Auskunft über die Realisierbarkeit seines Auftrages in zeitlicher und mengenmäßiger Hinsicht zu geben. Dabei gelangen i.d.R. regelbasierte Verfahren zur Anwendung, bei denen die Schätzung der ATP- oder CTP-Mengen auf der Grundlage einfacher Berechnungen erfolgt. Die sukzessive Einplanung der akzeptierten Aufträge erlaubt es dabei nicht, die Konsequenzen für später eintreffende Aufträge zu berücksichtigen. Darüber hinaus schließt die geforderte kurze Antwortzeit eine umfassende Analyse der Möglichkeiten zur Reaktion auf temporäre Lieferunfähigkeiten aus. Der Ablauf einer auftragsbezogenen Interaktion mit den Kunden startet mit dem Eingang der Kundenanfrage. In einem ersten Schritt wird geprüft, ob die Voraussetzungen erfüllt sind, den Kundenauftrag bis zum gewünschten Liefertermin erfüllen zu können. Hierzu wird die ATP- oder CTP-Menge für diesen Zeitraum mit der Auftragsmenge verglichen. Ist die Auftragsmenge abgedeckt, dann kann die Kundenanfrage mit den gewünschten Konditionen bestätigt und eine Reservierung der ATP- oder CTP-Bestände erfolgen. Ist dies nicht gegeben, dann sind Alternativen zu generieren, mit denen es möglich ist, den Kundenauftrag zu erfüllen (z.B. späterer Liefertermin, Rückgriff auf andere Quellen, Rückgriff auf Bestände alternativ möglicher Produkte). Existieren Alternativen, dann sind diese auf ihre ökonomische Vorteilhaftigkeit zu prüfen, wobei die vorteilhafteste Alternative ausgewählt und dem Kunden vorgeschlagen wird. Akzeptiert der Kunde die Änderung, dann erfolgen die entsprechenden Auftragsbestätigungen und die Reservierung der Bestände. Akzeptiert der Kunde den Vorschlag nicht, dann ist von den verbleibenden die vorteilhafteste Alternative zu wählen. Dieser Prozess wird solange fortgesetzt, bis im positiven Fall eine akzeptable Lösung für den Kunden gefunden wurde oder, im negativen Fall, die Kundenanfrage abgelehnt wird.

Ist eine unmittelbare Reaktion auf Kundenanfragen nicht erforderlich, dann ergibt sich bei der Verfügbarkeitsplanung die Möglichkeit, in einem definierten Zeitraum Kundenanfragen zu sammeln und dann integrativ zu planen, welcher Auftrag angenommen und zu welchem Liefertermin ausgeführt werden soll. Bei dieser Vorgehensweise können im Vergleich zur sukzessiven Vorgehensweise die Interdependenzen zwischen den Kundenaufträgen besser berücksichtigt werden. Der Optimierungseffekt ist dabei tendenziell um so größer, je länger der Zeitraum zum Sammeln der Aufträge bemessen wird. Zur Lösung dieser Problemstellung werden in der Literatur unterschiedliche gemischt-ganzzahlige Optimierungsmodelle vorgeschlagen, wobei häufiger die Endproduktbestände (ATP-Ansätze) und seltener die Zwischenproduktbestände und die verfügbare Kapazität als Bezugspunkt gewählt werden.

Literatur

Pibernik, R.: Ausgewählte Methoden und Verfahren zur Unterstützung des Advanced Available to Promise. In: Zeitschrift für Planung, 13 (2002), S. 345-372.

Fischer, M.E.: „Available-to-Promise“: Aufgaben und Verfahren im Rahmen des Supply Chain Management. Regensburg 2001.

Günther, H.-O.; Tempelmeier, H.: Produktion und Logistik, 9. Auflage. Berlin et al. 2012.

Stadtler, H.; Fleischmann, B.; Grunlow, M.; Meyr, H.; Sürie, C. (Hrsg.): Advanced Planning in Supply Chains: Illustrating the Concepts Using an SAP® APO Case Study (Management for Professionals). Berlin 2012.

 

Autor


 Hans Corsten

Univ.-Prof. Dr. habil. Hans Corsten, Universität Kaiserslautern, Lehrstuhl für Produktionswirtschaft, Gottlieb-Daimler-Str., Geb. 42, 67663 Kaiserslautern

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Letzter Abruf: 17.11.2017 22:31
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