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Filialwarenwirtschaftssystem

Filialwarenwirtschaftssysteme sind speziell auf die Bedürfnisse der Filialen und Anschlusshäuser entwickelte Warenwirtschaftssysteme, die insbesondere den dezentralen funktionalen Bedürfnissen Rechnung tragen.

Aufgaben des Filialwarenwirtschaftssystems

Bei mehrstufigen Handelsunternehmen sind die Aufgaben der Warenwirtschaft sowohl auf die Zentrale als auch auf die Filialen bzw. Anschlusshäuser verteilt. Viele Handelsunternehmen betreiben daher neben dem zentralen Warenwirtschaftssystem zusätzliche Warenwirtschaftssysteme in der Filiale, die zumeist mit dem zentralen System vernetzt sind und spezifische Aufgaben der Filiale wahrnehmen. Dezentrale Systeme werden insbesondere bei stark dezentralisierten Organisationsstrukturen wie beispielsweise bei Franchiseunternehmen oder Verbundgruppen eingesetzt. Insbesondere die technologische Weiterentwicklung der Kassensysteme und der im Laden anfallenden Daten haben wesentlich zur Notwendigkeit einer eigenen IT-Lösung in den Betriebsstätten beigetragen. Vom Funktionsumfang sind Filialwarenwirtschaftssysteme meist deutlich weniger leistungsfähig als zentrale Warenwirtschaftssysteme. Sie bieten jedoch neben der reinen Abverkaufserfassung auch Auswertungsfunktionalität und Bestandsführungsfunktionalität wie z. B. die Abwicklung der Filialwareneingänge, die Filial-Lagerverwaltung und die Bestandsführung in der Filiale [Hertl 1999, S. 85 f; Becker, Vering, Winkelmann 2007, S. 9]. Dabei erhalten sie vom zentralen System sowohl Bestandsdaten (z. B. Zentrallagerbestände) als auch Stammdaten (z. B. Produktdaten), während sie im Regelfall nur Bewegungsdaten (z. B. Abverkäufe oder Abschriften) auf täglicher Basis zurückmelden.

Integrationgrade zwischen Zentral- und Filial-WWS

Nach [Becker, Schütte 2004, S. 433] lassen sich verschiedene Integrationsgrade zwischen zentralem und dezentralem System unterscheiden (vgl. Abb. 1). Die losgelöste Verwendung von dezentralen Lösungen und zentralem System, und damit auch manuellen Ordern, ist im deutschen filialisierenden Handel aufgrund der guten IT-Infrastruktur ein eher untypisches Phänomen. Die Anbindung von reinen, komplexen POS-Systemen, d. h. Kassiersystemen, an das zentrale Warenwirtschaftssystem unter Umgehung einer Filialwarenwirtschaft ist ebenfalls ein mögliches Szenario zur Integration von Filiale und Zentrale. Das häufig verwendete Integrationsszenario ist die kombinierte Anbindung von Filialwarenwirtschaft und Kassensystem an das Zentralwarenwirtschaftssystem. Dabei kommt es auch zu Mischlösungen mit zum Teil zentralisierten und zum Teil dezentralisierten Funktionen in den POS-Systemen. Mit zunehmenden Bandbreiten und leistungsfähigeren zentralen WWS bietet sich auch ein Remotezugriff vom POS an. Dabei kann das POS-System entweder auf das vor Ort befindliche Filialwarenwirtschaftssystem zugreifen oder auf das zentrale Warenwirtschaftssystem, wobei hierbei zur Risikoabsicherung im Regelfall eine redundante Datenhaltung in Filiale und Zentrale stattfindet. Durch die zunehmende Versorgung mit Breitbandnetzen und anderen kostengünstigen Datenübertragungstechnologien ist davon auszugehen, dass der Zentralisierungsgrad zwischen Filialen und Zentrale steigen wird, zumal die Pflege eines zentralen Systems weniger kostenintensiv als die Pflege vieler dezentrales Systeme ist [Gerling, Spaan 2007].

 Verhältnis von dezentralen Systemen und zentralem WWS [in Anlehnung an 2, S. 434]

Abb. 1: Verhältnis von dezentralen Systemen und zentralem Warenwirtschaftssystem (in Anlehnung an [Becker, Vering, Winkelmann 2007, S. 434])

Literatur

Becker, Jörg; Schütte, Reinhard: Handelsinformationssysteme. 2. Auflage. Frankfurt am Main : moderne industrie, 2004.

Becker, Jörg; Vering, Oliver; Winkelmann, Axel: Softwareauswahl und -einführung in Industrie und Handel : Vorgehen bei und Erfahrungen mit ERP- und Warenwirtschaftssystemen. Berlin : Springer, 2007.

Gerling, Michael; Spaan, Ulrich: IT-Investitionen im Handel 2007 : Studie des EHI Retail Institute. Köln, 2007.

Hertel, Joachim: Warenwirtschaftssysteme. Grundlagen und Konzepte. Heidelberg : Physica-Verlag, 1999.

 

Autor


 

Prof. Dr. Axel Winkelmann, Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Lehrstuhl für BWL und Wirtschaftsinformatik, Stephanstr. 1, 97070 Würzburg

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Zuletzt bearbeitet: 23.10.2012 17:31
Letzter Abruf: 16.12.2017 10:05
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