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Telemedizin

Telemedizin wird definiert als die „Erbringung konkreter medizinischer Dienstleistungen in Überwindung räumlicher Entfernungen durch Zuhilfenahme moderner Informations- und Kommunikationstechnologien“ [DGTelemed 2016]. Das Feld der Telemedizin hat dabei großes Potenzial für Qualitätsverbesserung- und sicherung in der medizinischen Versorgung, womit die Bedeutung stetig ansteigt [Gartner 2015] und der weltweite Markt für solche Dienstleistungen steigt rapide an – von 23 Milliarden im Jahr 2016 auf rund 55 Milliarden USD pro Jahr in 2021 [BCC Research 2016]. Dieser Sektor ist im Hinblick auf seine Teilnehmer als äußerst heterogen zu bezeichnen und beinhaltet Patienten und deren Angehörige, Ärzte und klinisches Personal, (IT) Anbieter telemedizinischer Dienstleistungen, Krankenhäuser, Krankenversicherungen, u.v.m. [DGTelemed,2016].

Arten der Telemedizin

Telemedizin wird in Form von Dienstleistungen bzw. hybriden Leistungsbündeln aus Produkt und Dienstleistung [Leimeister, Glauner 2008] erbracht. Eine häufig verbreitete Möglichkeit eine Unterscheidung zwischen diesen Telemedizin-Arten vorzunehmen ist dabei die Zuordnung zu den medizinischen Anwendungsgebieten, in denen sie eingesetzt werden. Auf dieser Verständnisgrundlage fußen Begriffe wie Teleradiologie, Telekardiologie, Telechirurgie, Telepsychiatrie oder Telediabetologie, etc.

Die Typologie von Schultz und Salomo (2005) unterscheidet die Beziehung zwischen demjenigen, der die telemedizinische Dienstleistung bereitstellt und demjenigen, der die telemedizinische Dienstleistung konsumiert und erwähnt  die häufig verwendeten Begriffe Doc-2-Doc (Beziehung zwischen Ärzten) oder Doc-2-Patient (Beziehung zwischen Arzt und Patient). Während Doc-2-Patient Dienste repräsentieren, die die medizinische Behandlung durchführen, dienen Doc-2-Doc Dienste dazu, die medizinische Behandlung zu unterstützen.

Da Telemedizin immer im Rahmen eines gesamten Dienstleistungssystems erbracht wird, das aus vielen interagierenden Teilnehmern, aber auch unterschiedlichsten Technologien besteht, ist es besonders wichtig sie ganzheitlich und in ihrem interdisziplinären Kontext zu betrachten [Peters, Menschner 2012]. Ein hierbei wichtiger Aspekt ist auch die Bezahlstruktur für solche telemedizinischen Angebote, die – abhängig davon ob im ersten oder zweiten Gesundheitsmarkt angeboten – die Einbindung in die Regelversorgung und somit die Verbreitung von Telemedizin beeinflusst.

Beispiele für Telemedizin

Das Portfolio unterschiedlicher telemedizinischer Dienstleistungen ist breit gefächert. Ein großer Teil beschäftigt sich mit Telemonitoring, d.h. der Fernuntersuchung, -diagnose und -überwachung von Patienten, meist in Bereichen wie Kardiologie oder Diabetologie, in denen die Vitaldaten des Patienten dem Monitoring unterliegen. Das ist beispielswiese bei implantierten Defibrillatoren möglich, die den regelmäßigen Herzschlag sicherstellen und so Pulsabfall und Rhythmusstörungen abfangen. Die telemonitorisch erfassten Vitaldaten werden automatisch per Funk zu einer Empfangsstation gesendet von woher diese dann über eine Datenverbindung auf einen ständig für den betreuenden Arzt zugänglichen Server gespeichert werden. Je nach Softwarekonfiguration ist so nicht nur ein 24/7-Monitoring des Patienten möglich, sondern auch die Einstellung von bestimmten Alarmregeln bei drohenden medizinischen Komplikationen. Für solche Telemonitoring-Beispiele ist insbesondere der weiter ansteigende Trend der Smartphone-Nutzung interessant, der schon länger die IT-basierte Dokumentation der patienteneigenen (Vital-) Daten durch entsprechende Apps erleichtert. Auf diese Weise wird es möglich personalisierte Medizin anzubieten, die auf der einen Seite objektive Patienteninformationen erfasst (bspw. Gewichts-, Insulin- oder Blutdruckwerte) sowie auf der anderen Seite subjektive Daten abfragt (bspw. Selbsteinschätzungen der Patienten bzgl. gesundheitsbezogener Lebensqualität, aktuellem Befinden, etc.) und dies dann mit dem Ziel kombiniert, Patienten individuell und ganzheitlich zu versorgen / therapieren.

Eine andere Kategorie telemedizinischer Dienstleistungen stellt die Telekonsultation dar, in der Telemedizin den Austausch zwischen Medizinern ermöglicht. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Anwendung im Bereich der Neurologie, die Behandlung von Schlaganfallpatienten. In großen, oft stadtnahen Kliniken werden Schlaganfallzentren eingerichtet, die dann Expertenrat mit Hilfe von Telemedizin – konkret durch Videokonferenzen und die Mitbeurteilung der Computer- bzw. Kernspintomographien – für Verbundkrankenhäuser bereit stellen, die entsprechend eine Schlaganfallstation aufgebaut haben. So kann zusammen mit den Ärzten vor Ort das weitere Vorgehen – z.B. eine systemische Lysetherapie - festgelegt werden. 

Herausforderungen und Chancen der Telemedizin

Aufgrund der Heterogenität sowohl der Stakeholder als auch der Dienstleistungen im Bereich Telemedizin ergeben sich an unterschiedlicher Stelle auch ganz unterschiedliche Chancen und Herausforderungen. Während Telemedizin einigen, insbesondere Krankenhäusern und Krankenversicherungen, besonders als Mittel zur Kostenreduktion dient, bietet sie Ärzten die Möglichkeit die Qualität der medizinischen Behandlung zu verbessern und bspw. im Falle des Telemonitorings einen noch nie (oder nur stationär) möglichen Einblick in den Gesundheitszustand ihrer Patienten zu erlangen. Diese Vorteile kommen Patienten bzw. deren Angehörigen in besonderem Maß zu Gute. Anbieter telemedizinischer Dienstleistungen bietet sich die Möglichkeit diese neuen Märkte zu durchdringen; besonders spannend ist hier zu beobachten welche Unternehmen wann ihre Telemedizin-Bemühungen weiter verstärken, bspw. große Telekommunikationsunternehmen, die schon über eine sehr gut ausgebaute Infrastruktur für die Übermittlung von Daten verfügen und eine große Kundenzahl besitzen.

In einem Feld, das die Medizin und die IT verbindet, macht es für Mediziner Sinn sich mit den neu ergebenden technischen Möglichkeiten auseinander zu setzen und Anbieter telemedizinischer Dienstleistungen müssen die medizinischen Prozesse, die sie durch IT unterstützen wollen, verstehen lernen.

Somit ist eine der Hauptherausforderungen im Bereich der Telemedizin der sinnvolle Einsatz von IT, um medizinische Behandlung nicht zu ersetzen, sondern adäquat zu unterstützen. Dabei ist es wichtig zu realisieren, dass die vorhandene Interdisziplinarität der Telemedizin auch genutzt werden muss. Nur so gelingt es die Behandlungsqualität und die Gesundheitsversorgung insgesamt entsprechend zu verbessern und für die Patienten maßgeschneiderte Dienstleistungen anbieten zu können, die ihren individuellen Anforderungen gerecht werden [Peters, Leimeister 2013]. Dabei spielt auf Anbieterseite die Mit-Einbindung der potentiellen Patienten und weiteren Stakeholdern unter Verwendung von Prinzipien des Dienstleistungsengineering [Leimeister 2012] für die systematische und effiziente Entwicklung und Bereitstellung solcher Dienstleistungen eine herausragende Rolle. Die hier beschriebenen Arten von Telemedizin äußern sich auch in unterschiedlichen Geschäftsmodellen, die entsprechend unterschiedlich ausgeprägt sind [Peters, Blohm, Leimeister 2015].

Literatur

BCC Research (2016): Research Report Telemedicine Markets Dialing up Big Growth Rates. http://www.bccresearch.com/pressroom/hlc/telemedicine-markets-dialing-up-big-growth-rates. (Abruf 15.07.2016)

DGTelemed (2016): Telemedizin. http://www.dgtelemed.de/de/telemedizin/, (Abruf 15.07.2016).

Gartner: Hype Cycle for Telemedicine and Virtual Care, (Ed: Gartner Industry Research), 2015.

Leimeister, J. M.; Glauner, C.: Hybride Produkte–Einordnung und Herausforderungen für die Wirtschaftsinformatik. Wirtschaftsinformatik 50 (2008),  Nr. 3, S. 248-251.

Leimeister, J. M.: Dienstleistungsengineering und -management.  Berlin, Heidelberg: Springer Verlag, 2012.

Peters, C.; Drees, A.; Leppert, F.; Menschner, P.; Leimeister, J. M.; Möller, K.; Greiner, W.: Productivity of Telemedical Services - A State of the Art Analysis of Input and Output Factors. In: Proceedings of XXI International Research on Services (RESER) Conference, Hamburg, Germany, 2011.

Peters, C.; Leimeister, J. M.: TM³ - A Modularization Method for Telemedical Services: Design and Evaluation. In: Proceedings of 21st European Conference on Information Systems (ECIS), Utrecht, Netherlands, 2013.

Peters, C.; Menschner, P.: Towards a Typology for Telemedical Services. In: Proceedings of Ancilliary Proceedings of the 20th European Conference on Information Systems (ECIS), Barcelona, Spain, 2012.

Peters, C.; Blohm, I.; Leimeister, J. M.: Anatomy of Successful Business Models for Complex Services: Insights from the Telemedicine Field. In: Journal of Management Information Systems 32 (2015), Nr. 3, S. 75-104.

Schultz, C.; Salomo, S.: Systematik und Eigenschaften telemedizinischer Dienstleistungen. In: Schultz, C. (Hrsg.); Gemünden, H. G. (Hrsg.); Salomo, S. (Hrsg.): Akzeptanz der Telemedizin. Darmstadt: Minerva KG, 2005, S. 36.

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Prof. Dr. Jan Marco Leimeister, Universität Kassel, Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, Pfannkuchstr. 1, 34121 Kassel

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Dr. Christoph Peters, Universität Kassel, Fachgebiet Wirtschaftsinformatik, Pfannkuchstraße 1, 34121 Kassel

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Zuletzt bearbeitet: 23.11.2016 16:56
Letzter Abruf: 30.05.2017 00:45
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