Benutzerspezifische Werkzeuge

Information Engineering

Information Engineering ist ein Konzept, das ingenieurwissenschaftliche Methoden auf die Gestaltung der Informationsversorgung übertragen will.

Begrifflichkeiten

Der Begriff Information Engineering (IE) entstand später als die Begriffe Software Engineering und Informationsmanagement und wurde insbesondere durch drei gleichnamige Bücher von James Martin [1989, 1990a, 1990b] populär. Bei Verwendung dieses Begriffes will man einerseits betonen, dass nicht nur Software entwickelt, sondern die gesamte Informationsversorgung und -verwendung gestaltet werden muss; andererseits verweist die Begriffskomponente "Engineering" auf ein wissenschaftlich gesichertes Vorgehen, das sich auf systematische Vorgehensweisen, Methoden und Werkzeuge stützt und das man mit dem Begriff "Management" je länger, je weniger assoziiert.

Nach herrschender Auffassung schließt IE das Gebiet Software Engineering ein. James Martin präsentiert IE als konfus anmutende Synthese unterschiedlicher "Trends", entwickelte aber auch eine Information Engineering Method (IEM), die den Lebenszyklus von Informationssystemen unterstützen soll. Häufig wird ein enger Zusammenhang zwischen IE und Methoden und Werkzeugen des Computer-Aided Software Engineering (CASE) gesehen [Finkelstein 1989, Martin 1989, Brathwaite 1992].

Nach Heinrich [1991, 1996] beschäftigt sich IE als wissenschaftliche Disziplin mit

  • der Erklärung von Information als wissenschaftlichem Gut,
  • der Untersuchung vorhandener und der Entwicklung neuer Methoden zur Informationsgestaltung und der Untersuchung der Zusammenhänge zwischen diesen Methoden,
  • der Umsetzung der Methoden in Werkzeuge und deren Integration in Entwicklungsumgebungen sowie
  • der empirischen Untersuchung der Methoden- und Werkzeuganwendung.

Diese Aufzählung muss um im Software Engineering behandelte Lösungsansätze (z.B. hinsichtlich der Wartung von Softwaresystemen) ergänzt werden, wenn Information Engineering als Oberbegriff verstanden werden soll.

Verwandte Begriffe

Die Begriffskomponente Engineering findet sich in der Folge auch in Begriffen wie "Financial Engineering", "Health Engineering", "Instructional Engineering", "Business Engineering" und "Enterprise Engineering" [Dietz, Hoogervorst 2008], deren Beschreibungen oft nur geringe Nähe zu ingenieurwissenschaftlichen Vorgehensweisen erkennen lassen. Die Sprachverluderung erreicht einen Höhepunkt mit Studiengangsbezeichnungen wie "Business Engineering Management".

Aktuelle Bedeutung des Information Engineering

ISI Web of Science zeigt Mitte 2008 knapp 120 Veröffentlichungen an, deren Titel den Begriff "Information Engineering" enthält. Von diesen sind weniger als 20 nach dem Jahr 2000 erschienen; sie beziehen sich zudem häufig auf Kontexte, die nicht dem Begriffsverständnis der Wirtschaftsinformatik entsprechen. Die Vermutung, dass der Begriff "Information Engineering" den Höhepunkt seiner Hype-Kurve überschritten hat, liegt nahe.

Ein Grund dafür mag sein, dass IE ursprünglich insbesondere auf Informationssysteme abstellte, die Individualsoftware verwenden. Mit der zunehmenden Bedeutung von Standardsoftware verlor IE an Bedeutung, obwohl gerade die erfolgreiche Einführung und Wartung komplexer Standardsoftwaresysteme einer systematischen und methodisch sauberen Vorgehensweise bedarf. Eine Revitalisierung des IE-Konzeptes erscheint unter Berücksichtigung der veränderten Vorgehensweisen in der Gestaltung betrieblicher Informationssysteme wünschenswert: IE kann als Paradigma einer konstruktionsorientierten Wirtschaftsinformatik verstanden werden, wie sie im deutschsprachigen Raum als Abgrenzung zur empirisch orientierten "Information Systems"-Forschung häufig vertreten wird [vgl. mehrere Beiträge in Jung, Myrach 2008].

Literatur

Brathwaite, Kenmore S.: Information Engineering. Volume I: Concepts. Boca Raton et al.: CRC Press, 1992.

Dietz, Jan L.G.; Hoogervorst, Jan A.P.: Enterprise Engineering - A Manifesto. In: Dietz, Jan L.G.; Albani, Antonia; Barjis, Joseph (Eds.): Advances in Enterprise Engineering I. Berlin, Heidelberg: Springer, 2008, S. vii - ix.

Finkelstein, Clive: An Introduction to Information Engineering. From Strategic Planning to Information Systems. Sydney et al.: Addison-Wesley, 1989.

Heinrich, Lutz J.: Information Engineering - eine Synopse. In: Heilmann, Heidi; Heinrich, Lutz J.; Roithmayr, Friedrich (Hrsg.): Information Engineering. München-Wien: Oldenbourg, 1996, S. 17 - 34.

Heinrich, Lutz J.: Information Engineering. In: Wirtschaftsinformatik 33(1991), Nr. 3, S. 247 - 248.

Martin, James: Information Engineering. Book I: Introduction. Englewood Cliffs: Prentice Hall, 1989; Book II: Planning and Analysis. Englewood Cliffs: Prentice Hall, 1990a; Book III: Design and Construction. Englewood Cliffs: Prentice Hall, 1990b.

Jung, Reinhard; Myrach, Thomas (Hrsg.): Quo vadis Wirtschaftsinformatik? Wiesbaden: Gabler, 2008.

 

Autor


 

Prof. Dr. Gerhard Knolmayer, Universität Bern, Institut für Wirtschaftsinformatik (IWI), Engehaldenstrasse 8, CH-3012 Bern, Schweiz

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Zuletzt bearbeitet: 04.11.2012 20:46
Letzter Abruf: 22.08.2017 16:46
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