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Informationsbegriff in der Semiotik

Der Beitrag führt auf der Grundlage einer allgemeinen Zeichentheorie (Semiotik) eine Unterscheidung zwischen Mensch-orientierter und technischer Semiotik ein. Die hier neu in den Kontext IKT gesetzte Zeichentheorie stützt sich bzgl. der auftretenden Abstrakta auf die Frege/Lorenzensche Abstraktionstheorie.

Semiotik ist die Lehre von den Zeichen, die von uns in Sprachhandlungsprozessen wie Reden oder Schreiben (Mensch-orientierte Semiotik) und inzwischen auch von Computersystemen (technische Semiotik) hergestellt werden. Sie umfasst das Studium, wie mit Zeichen und Zeichenverbindungen verschiedene „Bedeutungen“ (Semantik) von den Kommunikationsteilnehmern geäußert und auch verstanden (Pragmatik) werden können. Die solchermaßen entstandene „Semantik“ stellt im Unterschied zu (singulären) Gegenständen wie z.B. Dingen oder Geschehnissen, auf die sie sich ja bezieht, vor allem abstrakte Gegenstände wie Begriffe, Information oder Wissen dar. Damit ist die Lehre von der „doppelten Bedeutung“ der (Sprach-)Zeichen geschaffen, wie sie die semiotische Tradition bis heute bestimmt und sowohl im semiotischen bzw. semantischen Dreieck sowie seit Paul Lorenzen und seiner Rationalen Grammatik [Lorenzen 1985] noch genauer im Begriffstetraeder (Abbildung 1) dargestellt ist.

Begriffstetraeder abstrakter und konkreter Gegenstände

Abbildung 1: Begriffstetraeder abstrakter und konkreter Gegenstände

Unsere Erkenntnis von der physischen Welt (Konkreta) ist vor allem sprachlich (Zeichensysteme) vermittelbar. Sprachen (i.w.S.) wiederum besitzen eine Syntax bzw. eine Grammatik, deren strukturelle Fundierung (Formale) Logik und Mathematik liefern. Logik und Mathematik, Grammatik und Sprachen stützen sich auf konkrete Zeichensysteme (Semiotik) als „Trägermaterial“, die bei ihrem Einsatz bzw. ihrer Herstellung Informationen (singuläre Aspekte von Gegenständen, Ausprägungen) oder Wissen (universelle Aspekte von Gegenständen, Schemata) „darstellen“ bzw. Begriffe, Informationen oder Wissen als Abstrakta zum Ausdruck bringen, ohne dabei ihre Existenz (Frege/Lorenzensche Abstraktionstheorie [Lorenzen 1962]) zu postulieren.

Zeichen bzw. sprachliche Ausdrücke (i.w.S.) haben somit vom heutigen Standpunkt aus stets zwei Bedeutungen, nämlich auf der einen Seite einen Sinn oder eine Intension und auf der anderen Seite einen Referenzgegenstand oder eine Extension.

Die Intension von Zeichen und Zeichenfolgen bilden abstrakte Gegenstände wie Begriffe, Information oder Wissen. Diese Gegenstände lassen sich wiederum durch Zeichen und sprachliche Ausdrücke sowie einen Schematisierungsvorgang, der auf der ­informatischen Abstraktion bzw. auf der Frege/Lorenzenschen Abstraktionstheorie basiert, konkret repräsentieren. So ist beispielsweise die Beschreibung eines allgemeinen Verfahrens zur Konstruktion eines Quadrats die Intension des Ausdrucks „Quadrat“. Die Verfahrensbeschreibung wird Computer-seitig auch (Programm-)Schema genannt. Aber auch die Auflistung der Merkmale (Attribute) des Begriffsworts PERSON (Personal-Nr., Name, Geburtsdatum) oder seine allgemeine umgangssprachliche Definition, wird als sein Schema oder als seine Intension aufgefasst.

Die Extension sprachlicher Ausdrücke ist die Menge derjenigen Gegenstände, auf die diese in Aussagen angewendet werden können, die sie sozusagen referenzieren. Singuläre sprachliche Aussagen nehmen hierbei auf Einzelgegenstände Bezug, also auf Dinge oder Geschehnisse inklusive ihrer Beschaffenheiten (via Eigenschaftswörtern oder Merkmalen). Intensional wird der dabei dargestellte abstrakte Gegenstand „Information“ genannt. Die beiden singulären (verschiedenen) Aussagesätze: „Herr Müller ist ein Mitarbeiter.“  und „Mr. Miller is an employee.“ haben denselben Informationsgehalt bzw. dieselbe Intension. Allgemeine Aussagesätze, z.B. „Ein Mitarbeiter ist eine Person“ verbinden dagegen Begriffe und stellen auf intensionaler Ebene Wissen dar. Extensional fallen alle (abstrakten) Gegenstände, für die diese Feststellung zutrifft (hier sind das die in Beziehung gesetzten Begriffe als Abstrakta), unter den allgemeinen Ausdruck.

„Nur wo eine Sprache ist (und Begriff sind, E.O.), werden Gegenstände (jetzt auch sprachlich vermittelbar, E.O.) von anderen Gegenständen unterschieden“ [Kamlah/Lorenzen 1996]. Gegenstände gliedern sich dementsprechend in einem ersten Schritt beispielsweise in Dinge (Substantiva einer Sprache vermitteln ihre Unterscheidung) und Geschehnisse (Verben einer Sprache vermitteln ihre Unterscheidung). Daher ist eine der grundlegenden Unterteilungen von Sprachen oder Zeichensystemen diejenige in eine Dingsprache (z.B. Datenmodellierung) und  eine Ereignissprache (z.B. Prozessmodellierung). In der ­UML (Unified Modeling Language) werden die Diagrammsprachen auch beispielsweise in Struktursprachen (d.h. Ding-orientierte Sprachen) und Verhaltenssprachen (d.h. Ereignis-orientierte Sprachen) eingeteilt.

Die besondere Bedeutung des Begriffstetraeders (Abbildung 1) liegt aber auch noch in der Erkenntnis bzw. Möglichkeit begründet, abstrakte Gegenstände wie Zahlen, Begriffe, Mengen, Information und Wissen, Datentypen, Relationen, etc. mit dem ­informatischen Abstraktionsverfahren bzw. der Frege/Lorenzenschen Abstraktionstheorie ausschließlich logisch und nicht etwa psychologisch, wie gelegentlich mit „Vorstellungen“ oder „Gedanken“, die im Begriffstetraeder als Konkreta ausgewiesen werden, intendiert ist, einzuführen. Wenn wir beispielsweise an den durch die Modellierung (Rekonstruktion) zu klärenden Begriffen interessiert sind – heute werden diese auch "Ontologien" genannt –, gilt es ja nicht nur an den individuellen Vorstellungen (Konkreta) der Menschen zu arbeiten, sondern an einer semantisch-intensionalen Normierung von Begriffen (Abstrakta), die allen geistigen Vorstellungen gemeinsamen bzw. einheitlich zugrunde liegt. In dieser Detaillierung und Begründung wurden die Semiotik und der Informationsbegriff in der Semiotik für die Informatik und Wirtschaftsinformatik beispielsweise in [Ortner 1983] erarbeitet.

Literatur

Kamlah, W.; Lorenzen, P.: Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens. Dritte Auflage, Verlag J.B. Metzler: Stuttgart/Weimar, 1996.

Lorenzen, Paul: Gleichheit und Abstraktion. In: Ration, 4, 1962.

Lorenzen, Paul: Rationale Grammatik. In: Lorenzen, Paul: Grundbegriffe technischer und politischer Kultur – Zwölf Beiträge. Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main, 1985, S. 13-34.

Ortner, E.: Aspekte einer Konstruktionssprache für den Datenbankentwurf. S. Toeche-Mittler Verlag: Darmstadt, 1983.

Autor


 

Prof. Dr. Erich Ortner, TECHNUM Unternehmen für Prozesstechnologie, Lindauer Str. 69, D-78464 Konstanz

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Zuletzt bearbeitet: 25.10.2012 12:45
Letzter Abruf: 28.03.2017 21:43
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