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Digitales Unternehmen

Unternehmen setzen Informationstechnologien (IT) z.B. zur Steigerung der Effizienz ihrer administrativen Prozesse (etwa durch ERP-Systeme), zur Verbesserung ihrer Kundenschnittstellen (etwa durch einen Online-Kanal zu Kunden) oder auch zur Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen weltweit verteilten Projektteams (so z.B. durch Kollaborationssysteme) ein. Trotz aller Unterschiede im Detail ist heute kein Unternehmen vorstellbar, das keine IT nutzt und damit nicht „digital“ ist. Gleichwohl gibt es gravierende Unterschiede bzgl. des Schwerpunkts, des Umfangs und der Bedeutung der Nutzung von IT durch Unternehmen.

Schwerpunkt der Nutzung von Informationstechnologien

Zur Darstellung des Schwerpunkts der Nutzung von IT  in Unternehmen lässt sich z.B. auf die von Michael Porter entwickelte Darstellung der Wertkette von Unternehmen zurück­greifen (vgl. Porter 1985). Porter unterscheidet dafür zwischen primären und sekundären Aktivitäten. Diese Strukturierung, die ggf. an die Branche anzupassen ist, lässt sich nutzen, um die Verortung wichtiger IT-Systeme im Unternehmen darzustellen. Abbildung 1 zeigt am Beispiel der Medienindustrie, wie einzelne primäre Aktivitäten durch Anwendungssysteme unterstützt werden.

Anwendungssysteme für Medienunternehmen

Abb. 1: Anwendungssysteme für Medienunternehmen (in Anlehnung an Mertens et al. in Kürze erscheinend)

Ebenfalls von Michael Porter stammt ein Modell zur Wertschöpfungskette (vgl. Porter 1985). Dieses Modells stellt plakativ die Verknüpfung der wichtigsten primären Aktivitäten eines Unternehmens mit den Aktivitäten vorangehender bzw. nachgelagerter Wertschöpfungsschritte dar. Ein Beispiel, wie IT den Wertschöpfungsprozess einer Branche beeinflussen, stellen Verfahren zum elektronischen Datenaustausch (EDI) in der Automobilindustrie dar. Solche elektronischen Schnittstellen sind Voraussetzung für eine Vernetzung einzelner Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette – sei es vor dem Hintergrund von Lieferantenketten, in gemeinsamer Forschungs- und Entwicklungsarbeit oder im Vertrieb – und bilden damit eine wichtige Voraussetzung für die primären Aktivitäten von Automobilherstellern und das erfolgreiche Zusammenspiel der einzelnen Wertschöpfungsschritte.

Umfang der Nutzung von Informationstechnologien

Schwieriger ist die Bestimmung des Umfangs der Nutzung von IT durch Unternehmen. Bezugspunkt für die Erhebung eines solchen Digitalisierungsgrads ist die vollständige Übertragung aller Aufgaben auf IT-Systeme Relativ abstrakt ist der Ansatz den Digitalisierungsgrad eines Unternehmens danach zu bemessen, in welchem Umfang bisher Aufgaben auf IT-Systeme übertragen und Daten in IT-Systeme gespeichert wurden. In eine ähnliche Richtung gehen bereits lange vorhandene Überle­gungen den Digitalisierungsgrad eines Unternehmens anhand der Ausgaben für IT – ggf. in Beziehung z.B. zu den Ausgaben insgesamt oder zu den Einnahmen – zu setzen. Aber auch bei derartigen Größen stellt sich die Frage nach der Messbarkeit und Aussagekraft.

Einen anderen Weg gehen Ansätze, die die Durchdringung einer Unternehmung mit IT-Systemen als „Grad der digitalen Reife“ interpretie­ren. Im Kern versuchen derartige Ansätze festzustellen, in wie weit ein Unternehmen insgesamt oder in einzel­nen Bereichen die grundsätzlich verfügbaren Lösungsansätze adaptiert hat. In diesem Sinne hat z.B. ein Rundfunkanbieter aktuell einen hohen Grad digitaler Reife in seinem Kern­geschäft, wenn er seine Inhalte als Stream auf unter­schiedlichen Kanälen bereitstellt, den ausstrah­lungsunabhängigen Konsum von Inhalten erlaubt, über ein Empfehlungssystem seinen Kunden spezifische Vorschläge zur Auswahl von Inhalten anbietet und ggf. über ein Rechteschutzsystem den Zugang zu den Inhalten sicher kontrolliert. Analog lässt sich die digitale Reife eines Versicherungsunternehmens anhand des Onlineanteils im Vertrieb oder der Blindverarbeitung in der Schadensabwicklung beurteilen. Manche Ansätze zur Bestimmung der digitalen Reife verlangen zusätzlich einen hohen Reifegrad bei der Etablierung von Managementkonzepten für die systematische Bewältigung des digitalen Wandels, etwa durch die Definition von Prozess- und Rollenmodellen. 

Öknomische Bedeutung von Informationstechnologien

Schon relativ lange beschäftigt sich die Forschung mit der Frage der differenzierenden Bedeutung von IT-Systemen in Unternehmen. Hier dominiert in der Regel die ökonomische Betrachtung. Nach aktueller Einschätzung (siehe z.B. Melville 2004) kann eine differenzierende Wirkung u.U. von wenigen Applikationen ausgehen, so z.B. von einem besonders ausgefeilten Produktionsplanungssystem eines Maschinenbauers oder von einem intelligenten Algorithmus als Kern des Suchdienstes eines Suchmaschinenanbieters. Viele andere Teile der IT-Landschaft eines Unternehmens, sowohl bei den Applikationen als auch insbesondere bei der IT-Infrastruktur, nehmen dagegen heute den Charakter von „Hygienefaktoren“ ein, d.h. sie müssen in einem angemessenen Kosten­rahmen funktionieren, haben aber keine differenzierende Wirkung. 

Literatur

Melville, N., Kraemer, K., Gurbaxani, V.: Review: Information Technology and Organizational Performance: An Integrative Model of IT Business Value. MIS Quarterly (2004), 28:2, S. 283-322.

Mertens, P., Bodendorf, F., König, W., Picot, A., Schumann, M., Hess, T.: Grundzüge der Wirtschaftsinformatik (in Kürze erscheinend). Springer-Verlag, 12. Auflage.

Porter, M. E.: Competitive Advantage: Creating and Sustaining Superior Performance. New York (1985).

Autor


Prof. Dr. Thomas Hess, Institut für Wirtschaftsinformatik und Neue Medien, Ludwig-Maximilians-Universität München

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Zuletzt bearbeitet: 23.11.2016 10:30
Letzter Abruf: 29.06.2017 12:44
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