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Lernplattform

Eine Lernplattform stellt den komplexen, technischen Rahmen für diverse E(lectronic)-Learning-Szenarios zur Verfügung. Sie basiert auf Hardware, Software und nutzenden Menschen. Die Auswahl einer Lernplattform ist ein komplexer, aufwändiger Entscheidungsprozess und deren Wirtschaftlichkeit muss genau analysiert werden. Lern-, Wissens- und Personalmanagementsysteme wachsen durch Konvergenz und Integration zusammen.

Eine Lernplattform (engl. Learning Management System, LMS) ist – im besten Sinne der Wirtschaftsinformatik – ein i. d. R. sehr komplexes, offenes und höchstdynamisches System mit Hardware, Software und nutzenden Menschen.

Zur Hardware zählen ein Server, der webbasiert (Thin Client) oder allg. Client/Server basiert (auch Fat oder Smart Client) arbeitet, Internet- oder Intranet sowie Endgeräte (in den letzten Jahren auch mehr und mehr internetfähige Smartphones und Tablets) zur Nutzung der Lernplattform.

Zur Software (i. d. R. 3- oder 4-Schichten-Architektur, vgl. auch allgemeine Softwarequalitätsrichtlinien) zählen Datenbanken, z. B. für Lerninhalte und Nutzerdaten, Schnittstellen zur Integration in IT-Infrastrukturen, Oberflächen für die Nutzer und teils auch KI-Module, z. B. zur Eingabeanalyse von Text oder Sprache.

Zu den Menschen, die eine Lernplattform nutzen, gehören Lerner, Autoren, Lehrer und Tutoren. Darüberhinaus werden Administratoren und System-Entwickler, auch für die permanente Weiterentwicklung, Wartung und Pflege, benötigt.

Eine Lernplattform stellt den technischen Rahmen für jedes umfangreichere E(lectronic)-Learning-Szenario zur Verfügung: „A learning management system uses the Internet technologies to manage the interaction between users and learning resources. […] In addition, a learning management system is essential for creating an environment where employees can plan, access, launch, and manage e-learning on their own” [Rosenberg  2001, S. 161], vgl. auch Abbildung 1 zur Klassifikation von E-Learning-Szenarien (Quelle: Eigene Darstellung) und z. B. [Schulmeister 2005].

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Abb. 1: Klassifikation von E-Learning-Szenarien

Die meisten Lernplattformen enthalten heute auch Tools zum sogenannten Rapid Authoring, mit denen es auch ohne Programmierkenntnisse möglich ist, Lerninhalte zu erstellen. Die Kernfunktionalitäten einer modernen Lernplattform werden wie folgt zusammengefasst, vgl. [Hohenstein/Wilbers (Hrsg.) 2012, diverse Beiträge zur Funktionalität und Auswahl einer Lernplattform]:

    • Darstellung der Lerninhalte, i. d. R. in einem Webbrowser, inkl. Interaktion, Multimedia-Inhalten und lernerspezifischen Lernpfaden,
    • vollautomatische Verwaltung der Lern-, Prüfungs- und Nutzerdaten inklusive Rollen- und Rechteverwaltung,
    • automatisierte Leistungseinschätzung der Lerner, z. B. durch Einstufungstests,
    • automatisierte Überwachung des Lernfortschritts der Lerner, z. B. mit Leistungskontrollen,
    • automatisierte Evaluation von Lernmodulen, Autoren, Lehrern und Tutoren,
    • individuelle Berichterstattung, z. B. Lernfortschritt und Nutzungshäufigkeit,
    • Unterstützung von Lerngruppen und Wissensgemeinschaften (Kollaboration), z. B. über Chatfunktionen, Collaboration-Rooms, Wikis, Foren und Blackboards (und andere "Social Media"),
    • Systemintegration zur bestehenden IT-Infrastruktur, insbes. zu Personalmanagementsystemen, Wissensmanagementsystemen, Produkt- und Prozessdatenbanken usw.

Vgl. auch die Architektur einer modernen Lernplattform nach Schulmeister in Abbildung 2 [Schulmeister 2005, S. 11].

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Abb. 2: Architektur einer modernen Lernplattform

Im internationalen Vergleich gibt es Dutzende Lernplattformen mit individuellen Vor- und Nachteilen und individuellen Stärken und Schwächen, deren Software teils kommerziell lizensiert werden muss, teils aber auch Open-Source oder Shareware ist. Grundsätzlich ist die Auswahl einer Lernplattform ein komplexer und aufwändiger Entscheidungsprozess, und Fehlentscheidungen bei der Auswahl gefährden den Erfolg von E-Learning-Maßnahmen:

    • Zuerst muss stets eine Ist-Analyse durchgeführt werden, d. h. die Anforderungen und Bedarfe der späteren Nutzer an eine Lernplattform und gewünschte Lernszenarien müssen detailiert beschrieben werden (Art der Inhalte, Art des Lernens, Funktionalität usw.).
    • Dann muss ein (grobes) Soll-Konzept erstellt werden, und Alternativen müssen aufgezeigt und sinnvoll bewertet werden, z. B. über eine  Balanced-Scorecard. Besonders wichtig und schwierig ist dabei die Nutzenanalyse einer Lernplattform – und allgemein eines Lernszenarios – und damit  verbunden die Beurteilung der Wirtschaftlichkeit (= Verhältnis Kosten zu Nutzen) einer Lernplattform.
    • Nach der Auswahl einer Lernplattform muss ein (feines) Datenverarbeitungskonzept erstellt werden, und die Rollen der Nutzer in dem Lernszenario müssen festgelegt werden. Eine Rolle definiert sich durch Verantwortlichkeiten, Befugnisse und Ressourcen.
    • Danach ist ein Einführungs- bzw. Migrationsplan zu erstellen (u. a. für die Daten und Lerninhalte sowie für Schnittstellen), der nur sukzessive verfeinert werden kann. Nutzerakzeptanzproblemen und Reaktanz müssen dabei besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, insbes. müssen die späteren Nutzer der Lernplattform permanent transparent informiert und in die Entscheidungsprozesse – soweit als möglich – mit einbezogen werden.
    • Zuletzt erfolgt die Freigabe für den Produktivbetrieb mit anschließender Wartung und Pflege sowie Evaluation der Lernplattform. Nötig sind i. d. R. permanente, durchdachte Schulungen neuer und migrierter Nutzer.

Begleitend ist ein professionelles IT-Projektmanagement und Qualitätsmanagement notwendig. Generell ist dringend anzuraten, für die Auswahl einer Lernplattform ein herstellerunabhängiges, begleitendes Consulting zu beauftragen, falls Expertenwissen intern nicht verfügbar ist (vgl. auch [Baumgartner 2002] oder [Hohenstein 2008]).

Beispiele für weitverbreitete Lernplattformen sind:

Neben den weitverbreiteten Lernplattformen gibt es eine Vielzahl „kleiner, aber feiner“ Lernplattformen, die oft sehr spezielle Funktionalitäten bieten, z. B. das Hannoveraner UbiLearn©-System. UbiLearn©  unterstützt online und offline Lernen (WBT/CBT) auf Desktops, Laptops, PDAs und Smartphones, d. h. auch M(obile)-Learning.

Eine Anforderungsanalyse für eine Lernplattform soll folgende Aspekte berücksichtigen:

    • Welche E-Learningszenarien sollen und können unterstützt werden?
    • Welche Spezifika sollen und können unterstützt werden?
    • Welche Funktionalitäten sollen und können unterstützt werden?
    • Welche grundlegenden Anforderungen aus der Sicht der Lerner, Lehrer, Autoren, Tutoren und Administratoren bestehen?
    • Welche rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen herrschen?
    • Welche generellen Vor- und Nachteile sowie Chancen und Risiken durch den Einsatz einer Lernplattform entstehen?

Nachdem die erste, übertrieben große Euphorie über E-Learning mit zu positiven Zukunftsvisionen verflogen ist, ist damit auch die Zeit der außerordentlich hohen Investitionen in diese neue Lernform vorbei. Das für durch E-Learning-Plattformen realisierte Szenarien erwartete und erzielte Kosten/Nutzen-Verhältnis, d. h. die Wirtschaftlichkeit, muss heute genau analysiert werden. Die schwierige Nutzenanalyse ist dabei z. B. mit Vier- bzw. Sechs-Ebenen-Ansätzen der Evaluation nach [Kirpatrick 1998] und [Schenkel 2000] möglich, vgl. nachfolgende Abbildung 3 (Quelle: Eigene Darstellung).

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Abb. 3: Nutzenanalyse mit Vier- bzw. Sechs-Ebenen-Ansätzen der Evaluation nach Kirkpatrick und Schenkel

Zum Nutzen dürfen dabei nicht nur leicht quantifizierbare Kostensenkungspotentiale bzw. nichtquantifizierbarer Nutzen in Form von räumlicher und zeitlicher Flexibilität gezählt werden. Der schwer greifbare Gesamtnutzen muss systematisch unter verschiedenen Gesichtspunkten analysiert werden. Hierdurch wird auch eine strukturierte Lokalisierung von Schwachstellen von Lernplattformen, -szenarien und -angeboten ermöglicht. Münden die Ergebnisse in Verbesserungsmaßnahmen, so kann der durch die Bildungsmaßnahme erzielbare Output optimiert werden, was sich im Idealfall in einer direkten Steigerung des ROI ausdrückt.

Aus den theoretischen Beschreibungen von [Kirkpatrick 1998] und [Schenkel 2000] sowie Praxisberichten über durchgeführte E-Learning-Projekte („Best practices“) lassen sich mögliche Evaluationsmethoden für die einzelnen Ebenen ableiten, vgl. Abbildung 4 (Quelle: Eigene Darstellung).

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Abb. 4: Evaluationsmethoden für einzelne Ebenen

Betrachtet man die Ergebnisse von Studien sowie die Praxisberichte über die Evaluation von Seminaren zur betrieblichen Bildung, so fällt auf, dass sich diese häufig nur auf die Reaktionsebene beschränken.

Unternehmen und Organisationen fragen verstärkt Lern-, Wissens- und Personalmanagementsysteme zur informationstechnologischen Unterstützung nach. Softwareanbieter sind i. d. R. auf einen Bereich spezialisiert und bieten entweder Lern-, Wissens- oder Personalmanagementsysteme an. Zunehmende Prozess- und Wissensorientierung erfordert jedoch eine Integration aller Systeme und die Anbindung über Schnittstellen, oft auch so genannte Middleware. Softwarehersteller reagieren auf diese Trends mit einer Ergänzung und Optimierung ihrer Produktportfolios. Im Zuge von Softwarestandardisierung und -harmonisierung beobachtet man derzeit ferner eine Konvergenz der unterschiedlichen Systeme. Funktionalitäten, die früher nur über mehrere Spezialsoftwarelösungen abgedeckt werden konnten, werden heute in einer Produktsuite angeboten.

Im Spannungsfeld zwischen „Best-of-breed“- und Standardsoftwarepaketen stellt sich für Unternehmen und Organisationen daher die (oft essentiell) wichtige Frage, ob sie in diesem Bereich Individualsoftware bzw. verschiedene Produkte oder integrierte Standardsoftware einsetzen sollen, um Redundanzen zu vermeiden und die Anzahl der Schnittstellen zu reduzieren. Systeme werden dabei nicht zum Selbstzweck eingeführt, sondern sie müssen ihren betriebswirtschaftlichen Nutzen überzeugend nachweisen. Dazu müssen die Systeme auch entsprechende Controllingmöglichkeiten bieten, z. B. über die Messung von Nutzerzahlen. Hinsichtlich der Konvergenz kann konstatiert werden, dass sie in einigen Fällen sinnvoller (Lernplattform und Wissensmanagement) und in anderen weniger sinnvoll (Lernplattform und Personalmanagement bzw. Wissensmanagement und Personalmanagement) erscheint. Hier kann es durchaus zielführend sein, getrennte Systeme zu benutzen und lediglich ausgewählte Stammdaten auszutauschen. Umfassende Lösungen werden bislang lediglich von sehr wenigen Herstellern wie z. B. SAP oder Oracle angeboten.

Eine Analyse von Lern-, Wissens- und Personalmanagementsystemen zeigt, dass z. B. Lernplattformen vielfach auch Funktionalitäten aus dem Wissensmanagement abdecken bzw. Wissensmanagementsysteme vielfach Funktionalitäten von Lern- und Personalmanagementsystemen integriert haben. Folgende Strategien lassen sich daraus für Anbieter von Softwaresystemen ableiten:

    • Erweiterung bzw. Vervollständigung des Produktes um zusätzliche Funktionalitäten, z. B. Erweiterung einer Lernplattform um Wikis und Weblogs, oder/und
    • Konzentration auf die Kernkompetenz, d. h. die Weiterentwicklung der Funktionalität des bestehenden Produkts.

Für Unternehmen und Organisationen, die die Lernplattformen einsetzen oder einsetzen wollen, lassen sich drei Strategien formulieren:

    • Bestehende IT-Infrastruktur mit der Lernplattform vernetzen,
    • Anbindung von neuen Applikationen über Schnittstellen und damit Integration zwischen neuen und bestehenden Systemen (Best-of-Breed Lösung) oder
    • Migration auf eine neue, integrierte Plattform (integrierte Standardsoftware), die alle benötigten Funktionalitäten des Lern-, Wissens- und Personalmanagementsystems bietet.

Um zu identifizieren, welche Strategie am wahrscheinlichsten zum Erfolg führen kann, wird folgendes Vorgehen vorgeschlagen:

    1. Ist-Analyse der bestehenden Systeme;
    2. Anforderungen an die Funktionalität und Softwarequalität definieren;
    3. Soll-/Ist-Abgleich zwischen vorhandenen Funktionalitäten und Anforderungen durchführen mit möglichen Alternativen;
    4. Entscheidungskriterien festlegen, um führendes System zu identifizieren;
    5. Migrationspfad festlegen und Migration durchführen.

Abbildung 5 (Quelle: Eigene Darstellung) zeigt exemplarisch, wie eine Integration von Lern-, Wissens- und Personalmanagementsystemen mit Hilfe eines Portals möglich wird.

Portal

 Abb. 5: Integration von Lern-, Wissens- und Personalmanagementsystemen mit Hilfe eines Portals

Literatur

Baugartner, Peter; Häferle, Hartmut; Maier-Häferle, Kornelia: E-learning Praxishandbuch: Auswahl von Lenplattformen: Marktüberischt - Funktionen - Fachbegriffe. Innsbruck: Studien Verlag, 2002.

Hohenstein, Andreas; Wilbers, Karl (Hrsg.): Handbuch E-Learning: Das aktuelle Nachschlagewerk aus Wissenschaft und Praxis. Köln: Deutscher Wirtschaftsdienst, Wolters Kluwer, 2012 (inkl. 42. Erg.-Lfg., Stand Juni 2012).

Kirkpatrick, Donald L.: Evaluating Training Programs: The Four Levels. San Francisco: Berrett-Koehler, 1998.

Rosenberg, Marc J.: E-Learning: Strategies for Delivering Knowledge in the Digital Age. Mc-Graw Hill Professional, 2001. 

Schenkel, Peter: Ebenen und Prozesse der Evaluation. In: Schenkel, Peter; Tergan, Sigmar-Olaf; Lottmann, Alfred (Hrsg.): Qualitätsbeurteilung multimedialer Lern- und Informationssysteme. Nürnberg: BW Bildung und Wissen, 2000, S. 52-74.

Schulmeister, Rolf: Lernplattformen für das virtuelle Lernen: Evaluation und Didaktik. 2. Auflage. München: Oldenbourg, 2005.

 

Autor


 

Prof. Dr. Michael H. Breitner, Leibniz Universität Hannover, Institut für Wirtschaftsinformatik, Königsworther Platz 1, 30167 Hannover

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Zuletzt bearbeitet: 11.06.2015 09:15
Letzter Abruf: 24.06.2017 05:43
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