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SPICE

SPICE ist ein Reifegradmodell, das vor allem zur Bewertung von Prozessen im Bereich der Softwareentwicklung verwendet wird. SPICE wurde als ISO 15504 standardisiert.

Historie

Im Jahr 1993 wurde das Projekt SPICE mit dem Ziel gestartet, einen internationalen Standard zur Beurteilung von Prozessen in der Softwareentwicklung zu definieren. Eine erste Version wurde 1995 publiziert, eine weitere Version 1998 als Technical Report zur Standardisierung eingereicht. 2006 wurden die Ergebnisse schließlich als Standard (ISO 15504) veröffentlicht. ISO 15504 wurde kontinuierlich erweitert und besteht heute (Aug. 2013) aus zehn Teilen.

SPICE

Im engeren Sinne spezifiziert SPICE Anforderungen an Reifegradmodelle und ist damit ein den Reifegradmodellen übergeordneter Standard. Im weiteren Sinne wird SPICE häufig in Verbindung mit dem Standard ISO 12207 verwendet. In diesem Sinne ist es ein Reifegradmodell vergleichbar mit CMMI.

ISO 15504

Im engeren Sinne definiert SPICE (ISO 15504) Anforderungen an Prozesse bzw. an die Art, wie Prozesse überprüft werden (Assessment). Im ersten Teil (Part1) werden die Grundlagen der folgenden Teile geklärt. Weitere Teile spezifizieren Anforderungen an Assessments bzw. geben Beispiele für Assessments mit vorgegebenen Prozessen (Part2-3, Part 5-7, Part 9). Part 4 beschäftigt sich mit der Frage, wie Prozesse verbessert werden können. Die 2011 (Part 10) und 2012 (Part 8) erschienen letzten Teile beschäftigen sich mit Prozessen zur IT Service Management (Part 8) bzw. mit Ergänzungen zur Sicherheit (Part 10).

Die Anwendung von SPICE erfolgt in zwei Schritten. Zuerst müssen die Prozesse festgelegt werden, die bewertet werden sollen. Anschließend werden den Prozessen nach vorgegebenen Kriterien Reifegrade zugewiesen.

Prozessauswahl

In der Praxis werden verschiedene Varianten von SPICE benutzt, die jeweils auf den in dieser Variante festgelegten Prozessen aufbauen.
Die in ISO 12207 definierten Prozesse werden in drei verschiedene Gruppen aufgeteilt.

Wenn von SPICE als Reifegradmodell gesprochen wird, dann ist in der Regel die Kombination von ISO 15504 und ISO 12207 gemeint.

Neben ISO 12207 wird vor allem Automotive SPICE eingesetzt. Automotive SPICE wurde von der Automobilindustrie entwickelt und unterscheidet sich durch eine Auswahl an Prozessen, die eine besondere Wichtigkeit für die Automobilindustrie hat. Beispielsweise erhält die Kontrolle von Zulieferern ein größeres Gewicht. Ziel der AutoSIG (Automotive Special Interest Group) ist es, durch die Etablierung von Automotive SPICE einen Qualitätsstandard für die Software in der Automobilindustrie zu erreichen.

Für die speziellen Anforderungen in anderen Branchen, beispielsweise der Medizin oder der Flugindustrie, sind weitere angepasste Prozessauswahlen vorhanden bzw. geplant.

Prozessmodell

Die für ein Modell ausgesuchten Prozesse werden mit Hilfe folgender Konzepte spezifiziert: Jeder Prozess hat einen Namen und ein eindeutiges Label (ID). Zur Beschreibung des Prozesses werden das Ziel bzw. der Zweck des Prozesses sowie die erwarteten Ergebnisse beschrieben. Zusätzlich werden notwendige Aktivitäten, die Base Practices, definiert. Schließlich werden die vom Prozess als Input erwarteten bzw. die vom Prozess als Output generierten Produkte (Work Products) festgelegt.

Da die einzelnen Prozesse vernetzt sind, lassen sich Konsistenzchecks durchführen. So kann z.B. kontrolliert werden, ob Prozess X als Output liefert, was Prozess Y als Input benötigt.

Reifegrade

Innerhalb von SPICE werden sechs Reifegerade definiert.

  • Stufe 0, Unvollständig (Incomplete)
    Durchführung und Ergebnisse des Prozesses sind nicht erkennbar.
  • Stufe 1, Durchgeführt (Performed)
    Prozess wird ohne Planung oder Dokumentation durchgeführt. Allerdings sind Input und Output erkennbar.
  • Stufe 2, Gemanagt (Managed)
    Prozess und dazugehörige Aktivitäten werden geplant, verantwortliche Personen sind definiert.
  • Stufe 3, Etabliert (Established)
    Es existieren vordefinierte Standards und Prozeduren, diese können übernommen bzw. angepasst werden.
  • Stufe 4, Vorhersagbar (Predictable)
    Metriken ermöglichen die Vorhersage von Prozessaufwand und Prozessergebnis.
  • Stufe 5, Optimierend (Optimizing)
    Der Prozess wird fortlaufend optimiert.

Der Reifegrad wird innerhalb eines Assessments festgelegt. Dabei bestimmt SPICE, wie ein solches Assessment durchgeführt werden muss bzw. welche Kriterien erfüllt werden müssen, um einen Reifegrad zu erlangen.

Kritik

Neben der generellen Kritik an Reifegradmodellen stellt sich die Frage, ob SPICE notwendig ist, wenn es schon CMM bzw. CMMI gibt. In der Praxis ist CMMI deutlich stärker vertreten. Der Hauptgrund hierfür liegt darin, dass CMM bzw. CMMI mehr als 10 Jahre vor der Standardisierung von SPICE veröffentlich wurde. Dazu kommt, dass viele Materialien zu CMMI im Gegensatz zu den SPICE-Standards frei verfügbar sind.

Ein Vorteil von SPICE gegenüber CMM liegt in der Unterscheidung zwischen dem Rahmenmodell und der Auswahl der Prozesse. Dies ermöglicht es, eine domänenspezifische Prozessauswahl zu definieren.

Weitere Stärken von SPICE liegen in der Verankerung als Standard und der in den letzten Jahren gewachsenen Akzeptanz von SPICE in einzelnen Industriezweigen wie z.B. Automotive SPICE in der Autoindustrie.

Literatur

International Organization for Standardization (ISO): ISO/IEC 15504-1:2004:  http://www.iso.org/iso/iso_catalogue/catalogue_tc/catalogue_detail.htm?csnumber=38932 (Abruf 23.8.2013)

International Organization for Standardization (ISO): ISO/IEC 12207:2008: http://www.iso.org/iso/home/store/catalogue_tc/catalogue_detail.htm?csnumber=43447 (Abruf 23.8.2013)

SPICE User Group: Automotive SPICE, Process Reference Model v4.5: 2010: http://www.automotivespice.com/download/ (Abruf 28.5.2015)

MediSPICE: Medical Devices Software Process Assessment, http://medispice.ning.com/ (Abruf 23.8.2013)

Enterprise SPICE, An enterprise integrated standards-based model, http://www.enterprisespice.com/ (Abruf 23.8.2013)

Ernest Wallmüller : SPI : Software Process Improvement mit CMMI, PSP/TSP und ISO 15504, Hanser Verlag, München, 2007

 

Autor


Prof. Dr. Stephan Jacobs, FH Aachen, Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, Eupener Str. 70, 52066 Aachen

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Letzter Abruf: 24.04.2017 03:33
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