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Geschäftsprozessmodellierung

Die Geschäftsprozessmodellierung als Unterstützungsinstrument des Prozessmanagements umfasst die Konstruktion, Wartung und Anwendung konzeptioneller Modelle der Geschäftsabläufe von Unternehmen und Verwaltungen. Sie dient der Anwendungssystem- und Organisationsgestaltung aus der Sicht der betrieblichen Abläufe.

Der Begriff des Geschäftsprozesses

Ein Prozess ist die inhaltlich abgeschlossene, zeitliche und sachlogische Folge von Aktivitäten, die zur Bearbeitung eines betriebswirtschaftlich relevanten Objekts notwendig sind [Becker, Schütte 2004, S. 107]. Ein solches Objekt wird aufgrund seiner zentralen Bedeutung für den Prozess als prozessprägendes Objekt bezeichnet. So wird bspw. der Prozess der Rechnungsprüfung durch das Objekt der Rechnung geprägt. Ein Geschäftsprozess ist ein spezieller Prozess, der der Erfüllung der obersten Ziele der Unternehmung dient und das zentrale Geschäftsfeld beschreibt. Wesentliche Merkmale eines Geschäftsprozesses sind die Schnittstellen des Prozesses zu den Marktpartnern des Unternehmens. Beispiele für Geschäftsprozesse sind die Auftragsabwicklung in einem Produktionsbetrieb, das Streckengeschäft in einem Handelsunternehmen oder die Kreditvergabe in einer Bank [Becker, Kahn 2008, S. 6f.].

Prozessmanagement mit Geschäftsprozessmodellen

Prozessmanagement

Die Ausrichtung der Anwendungssystem- und Organisationsgestaltung im Unternehmen an dessen Geschäftsprozessen ist Kerngedanke des Prozessmanagements. Hierunter wird die Planung, Steuerung und Kontrolle von inner- und überbetrieblichen Prozessen verstanden. Im Rahmen des Prozessmanagements steht die Effizienz- und Qualitätssteigerung der Ablauf- und Aufbauorganisation des Unternehmens im Mittelpunkt.

Geschäftsprozessmodelle

Seit Anfang der 1990er Jahre hat sich das Prozessmanagement als fester Bestandteil der Anwendungssystem- und Organisationsgestaltung zahlreicher Unternehmen etabliert [Gaitanides, Scholz, Vrohlings 1994]. Kennzeichnend für aktuelle Ansätze ist die konsequente Ausrichtung an Informationsmodellen, die als Wissensträger und Kommunikationsmedium den prozessorientierten Gestaltungsprozess unterstützen. Ein Informationsmodell wird definiert als abstrakte Repräsentation eines betriebswirtschaftlich relevanten Sachverhalts für Zwecke der Anwendungssystem- und Organisationsgestaltung [Becker, Schütte 2004, S. 67]. Geschäftsprozessmodelle sind spezielle Informationsmodelle, die der Repräsentation von Geschäftsprozessen dienen. Die Geschäftsprozessmodellierung umfasst sämtliche Aktivitäten der Konstruktion, Anwendung und Wartung von Geschäftsprozessmodellen im Rahmen des Prozessmanagements.

Qualität von Geschäftsprozessmodellen

Grundlage für ein erfolgreiches Prozessmanagement sind qualitativ hochwertige Geschäftsprozessmodelle. Deren Konstruktion erfordert die Nutzung von Prozessmodellierungstechniken, die für die Modellierung definierte Syntaxen vorgeben. Populäre Prozessmodellierungstechniken sind bspw. Ereignisgesteuerte Prozessketten (EPK) [Keller, Nüttgens, Scheer 1992], Petrinetze [Petri 1962] und die Business Process Modeling Notation (BPMN) [OMG 2008]. Ein Maß für die Qualität von Geschäftsprozessmodellen ist neben ihrer syntaktischen Korrektheit ihre Passgenauigkeit auf die Anforderungen der am Modellierungsprojekt beteiligten Adressatengruppen. Diese Anforderungen sind zu erheben, um daraus Eigenschaften der zu verwendenden Prozessmodellierungstechniken abzuleiten. Hiermit lassen sich Modellierungskonventionen formulieren, die eine einheitliche Verwendung der Techniken vorgeben. Die Geschäftsprozessmodellierung ist idealer Weise durch ein Modellierungswerkzeug zu unterstützen, um eine wirtschaftliche Konstruktion, Anwendung und Wartung der Geschäftsprozessmodelle zu ermöglichen [Rosemann, Schwegmann, Delfmann, 2008].

Methoden zur Geschäftsprozessmodellierung

Die Geschäftsprozessmodellierung weist Berührungspunkte zur Daten-, Funktions- und Organisationsmodellierung auf. In Geschäftsprozessmodellen ist anzugeben, für welche Aufgaben welche Daten benötigt bzw. manipuliert werden. Der für die jeweilige Aktivität zuständige organisatorische Akteur ist ebenso zu spezifizieren. Betriebswirtschaftliche Funktionen werden durch Geschäftsprozessmodelle in eine zeitliche und sachlogische Reihenfolge gebracht. Methoden zur Geschäftsprozessmodellierung propagieren eine solche sichtenorientierte Modellierung. Populäre Vertreter sind die Architektur integrierter Informationssysteme (ARIS) [Scheer 1992], die multiperspektivische Unternehmensmodellierung (MEMO) [Frank 1994] und das semantische Objektmodell (SOM) [Ferstl, Sinz 1995].

Literatur

Becker, Jörg; Kahn, Dieter: Der Prozess im Fokus. In: Becker, Jörg; Kugeler, Michael; Rosemann, Michael (Hrsg.): Prozessmanagement. Ein Leitfaden zur prozessorientierten Organisationsgestaltung. 6. Auflage, Berlin et al.: Springer 2008, S. 3-16.

Becker, Jörg; Schütte, Reinhard: Handelsinformationssysteme. 2. Auflage, Frankfurt am Main: Verlag Moderne Industrie 2004.

Ferstl, Otto K.; Sinz, Elmar J.: Der Ansatz des Semantischen Objektmodells (SOM) zur Modellierung von Geschäftsprozessen. In: Wirtschaftsinformatik 37 (1995), Nr. 3, S. 209-220.

Frank, Ulrich: Multiperspektivische Unternehmensmodellierung. Theoretischer Hintergrund und Entwurf einer objektorientierten Entwicklungsumgebung. München, Wien: Oldenbourg 1994.

Gaitanides, Michael; Scholz, Rainer; Vrohlings, Alwin: Prozeßmanagement – Grundlagen und Zielsetzungen. In: Gaitanides, Michael; Scholz, Rainer; Vrohlings, Alwin; Raster, Max (Hrsg.): Prozeßmanagement. Konzepte, Umsetzungen und Erfahrungen des Reengineering. München, Wien: Carl Hanser Verlag 1994.

Keller, Gerhard; Nüttgens, Markus; Scheer, August-Wilhelm: Semantische Prozeßmodellierung auf der Grundlage „Ereignisgesteuerter Prozeßketten (EPK)". In: Scheer, August-Wilhelm (Hrsg.): Veröffentlichungen des Instituts für Wirtschaftsinformatik. Saarbrücken 1992.

Object Management Group (OMG); Business Process Management Initiative (BPMI): Business Process Modeling Notation (BPMN) Information. http://www.bpmn.org/. 25.08.2011.

Petri, Carl Adam: Kommunikation mit Automaten. Bonn: Schriften des Instituts für Instrumentelle Mathematik der Universität Bonn 1962.

Rosemann, Michael; Schwegmann, Ansgar; Delfmann, Patrick: Vorbereitung der Prozessmodellierung. In: Becker, Jörg; Kugeler, Michael; Rosemann, Michael (Hrsg.): Prozessmanagement. Ein Leitfaden zur prozessorientierten Organisationsgestaltung. 6. Auflage, Berlin et al.: Springer 2008, S. 45-103.

Scheer, August-Wilhelm: Architektur Integrierter Informationssysteme. Grundlagen der Unternehmensmodellierung. 2. Auflage, Berlin et al.: Springer 1992.

Autor


 

Prof. Dr. Jörg Becker, Universität Münster, European Research Center for Information Systems (ERCIS), Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Informationsmanagement, Leonardo-Campus 3, 48149 Münster

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Zuletzt bearbeitet: 31.10.2012 19:45
Letzter Abruf: 24.06.2017 19:43
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