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Föderierte ERP-Systeme

Der Beitrag beschreibt den Hintergrund und das grundlegende Konzept eines Föderierten ERP-Systems. Dabei wird auf die Zusammenhänge zwischen der zentralen Zielstellung und den sich daraus ergebenden Vorteilen eingegangen. Der Begriff beschreibt einen theoretischen Ansatz für den bereits Vorschläge zur Umsetzung existieren.

Ein Föderiertes ERP-System (FERP-System) beschreibt einen aus der Wissenschaft hervorgegangenen Ansatz zur dienstorientierten und anbieterübergreifenden Entwicklung und Bereitstellung von ERP-Systemen, der aus der Annahme resultiert, dass die Abdeckung zunehmend individueller Funktionsbedarfe von Unternehmen an ERP-Systeme auf der einen Seite und die Entwicklung und Bereitstellung von ERP-Systemen durch einen einzigen Anbieter auf der anderen Seite im Widerspruch stehen.

" Ein FERP-System ist ein ERP-System dessen betriebliche Anwendungsfunktionen variabel, dynamisch oder adaptiv zu unterschiedlichen voneinander unabhängigen Softwareanbietern zugeordnet werden können.
Die Gesamtfunktionalität des Systems wird von einem Ensemble standardisierter Teilsysteme bereitgestellt. Dieses Ensemble erscheint für den Endanwender als Gesamtsystem (ERP-System)" [vgl. Brehm, Marx Gómez 2007, S. 128].

Ausgangspunkt für die Entwicklung eines FERP-Systems ist die Existenz einer Vereinigung von Softwareanbietern. Gemeinsames Ziel dieser Anbieter ist die Bereitstellung eines ERP-Systems im Verbund für eine bestimmte Zielgruppe von Anwenderunternehmen. Die Bereitstellung eines weltweiten FERP-Systems wird als Spezialfall betrachtet. Zentrale Motivation für die Zusammenarbeit der Anbieter ist es, einen Vorteil aus den Netzwerk-Effekten zu erzielen, die sich aus der anbieterübergreifenden Kompatibilität von betrieblichen Anwendungskomponenten ergibt. Der Wettbewerb zwischen Anbietern von Diensten basiert dabei auf der konkurrierenden Vermarktung von betriebswirtschaftlichem Know-how, Branchenkenntnissen und Servicequalität und wird maßgeblich von der allgemeinen Kundenzufriedenheit bestimmt. Trotz der potentiellen Kooperation mit Konkurrenten ergeben sich deshalb Möglichkeiten zur Abgrenzung von Mitbewerbern. Die Menge der kooperierenden Softwareanbieter und der Anwenderunternehmen wird als Föderation betrachtet, da ihre Struktur aufgrund eines organisierten Standardisierungsbedarfs und des starken Zusammenhangs zwischen einer zentral gesteuerten Standardisierungsbestrebung und der angebotsorientierten Möglichkeit zur eigenständigen (autonomen) Bereitstellung und Konfiguration von ERP-System­elementen an das grundsätzliche Organisationsprinzip des Föderalismus erinnert. Die folgenden Merkmale beschreiben den föderierten Charakter eines FERP-Systems gegenüber konventionellen ERP-Systemen:

  • Verteilung der Softwareelemente des ERP-Systems (in einem Netzwerk) in Form von Diensten
  • Heterogenität angebotener fachbezogener Dienste (durch unterschiedliche Umsetzungsformen unterschiedlicher Anbieter)
  • Autonomie von Anbietern und Anwendern (durch deren unabhängige Selbstverwaltung)

Ein FERP-System besteht aus der Sicht eines Anwenderunternehmens aus einer standardisierten Basisinstallation (Komponenten-System-Framework) und einem System von FERP-Anwendungskomponenten (Fachkomponenten) [Brehm, Marx Gómez, Rautenstrauch 2006, S. 106 f]. Die Funktionalität von Anwendungskomponenten wird als Menge typisierter Dienste bedarfsgerecht von verschiedenen Anbietern bereitgestellt. Dabei sind konkurrierende Angebote möglich. Anbieter können je nach Kompetenz selbst Dienste zum Angebot auswählen. Anwenderunternehmen können die Anbieter von Diensten beliebig wechseln. Die durch die Basisinstallation ausführbaren Prozesse (Workflows) können Dienste unterschiedlicher Anbieter integrieren und können außerdem separat auf einem Markt angeboten werden. Nutzungsbasierte Abrechnungsmodelle für Dienste werden unterstützt. Durch diese Festlegungen impliziert ein FERP-System das Strukturmuster einer Serviceorientierten Architektur (SOA) zur Schaffung von Grundlagen für einen offenen Markt von Anwendungskomponenten für ERP-Systeme, die in Form von Diensten von konkurrierenden Anbietern bereitgestellt werden. Feste Abhängigkeitsbeziehungen zwischen den Softwareelementen eines ERP-Systems werden auf diese Weise minimiert, da Beziehungen nicht direkt sondern indirekt über eine zusätzliche Ebene zur Vermittlung zwischen Dienstanforderungen auf der einen Seite und Diensteigenschaften auf der anderen Seite bestehen. Insgesamt wird dadurch eine Grundlage zur Änderung von Softwareanforderungen und Softwareeigenschaften unabhängig voreinander geschaffen, was bei hinreichendem Dienstangebot die Umsetzung variabler Anforderungen sowie die Reaktion auf veränderliche ERP-Anforderungen einer Menge von Anwenderunternehmen vereinfacht, wenn davon ausgegangen wird, dass Anforderungen von Anwenderunternehmen an ERP-Systeme zwar veränderlich, jedoch gleichzeitig auf andere Anwenderunternehmen übertragbar sind.

Das Konzept eines FERP-Systems unterliegt besonderen Herausforderungen, die sich insbesondere auf die Aspekte der Standardisierung von sowohl anwendungsinvarianten als auch funktionsbezogenen Softwarekomponenten, der Sicherheit des Gesamtsystems im Vergleich zu konventionellen ERP-Systemen sowie der Vertrauenswürdigkeit von Akteuren eines offenen Markts für Komponenten eines FERP-Systems beziehen. Lösungsvorschläge basieren v. A. auf bestehenden und der derzeitigen Forschung unterliegenden Konzepten aus den Bereichen Very Large Business Applications (VLBA), komponentenbasierte Softwareentwicklung,  IT-Sicherheit und Trust-Mangement.

Literatur

Brehm, Nico; Marx Gómez, Jorge Carlos: Web Service-basierte Referenzarchitektur für Föderierte ERP-Systeme. In: Thomas Pietsch; Corinna V. Lang (Hrsg.), Ressourcenmanagement. Berlin : Erich Schmidt Verlag, 2007, S. 125-142.

Brehm, Nico; Marx Gómez, Jorge Carlos; Rautenstrauch, Claus: An ERP solution based on web services and peer-to-peer networks for small and medium enterprises. In: International Journal of Information Systems and Change Management (IJISCM), 1 (2006), 1, S. 99-111.

 

Autor


 

Prof. Dr. Jorge Carlos Marx Gómez, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Abt. Wirtschaftsinformatik I / VLBA, Department für Informatik, Ammerländer Heerstr. 114-118, 26129 Oldenburg

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Zuletzt bearbeitet: 08.10.2012 19:53
Letzter Abruf: 26.07.2017 18:41
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