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Kernbanksystem

Unter einem Kernbanksystem (KBS, Core Banking System) wird ein Softwarepaket verstanden, mit dessen Hilfe die kontenbasierten Geschäftsvorfälle einer Bank technisch bearbeitet werden. Ein KBS umfasst damit die Kontoführung und Umsatzverarbeitung einer Bank, insbesondere die Verarbeitung von Daten in den Produktsparten Kontokorrent, Fest- und Tagesgeldkonten, Spareinlagen (einschl. Sondersparformen, Sparbriefe und Sparpläne) und Kredite sowie die Verwaltung der Kundendaten.

Historie

Traditionell haben Banken ihre Kernbanksysteme als Individualsoftware erstellt. Demzufolge sind diese Systeme über Dekaden hinweg gewachsen und immer komplexer geworden. Eigenerstellte KBS sind sowohl konzeptionell als auch softwaretechnisch oftmals veraltet, intransparent und nur noch schwer wartbar. Schnelle Anpassungen an Marktveränderungen oder die Umsetzung neuer regulatorischer Anforderungen sind kaum noch möglich. Daher werden KBS heute meist als Standardsoftware entwickelt. Die Anpassung der Software an individuelle Ansprüche der Banken erfolgt durch Parametrisierung. Diese geschieht lediglich durch das Setzen von Parametern, nicht aber durch individuelle und zusätzliche Programmierung. Der Begriff Customizing wird häufig als Synonym für Parametrisierung benutzt. Allerdings umfassen Customizing-Maßnahmen oft auch zusätzliche Programmierungsarbeiten zur Anpassung der Standardsoftware an die Wünsche der Bank. 

Anforderungen 

Das KBS stellt die technische Infrastruktur einer Bank dar, über die sämtliche kontenrelevanten Bankgeschäfte verarbeitet und gebucht werden. Die Anforderungen an KBS sind daher erheblich: Sie sollen die einfache und schnelle Abbildung bankfachlicher Anforderungen ermöglichen. Zudem sollen sie mandantenfähig und mehrwährungsfähig sein, Soll/Ist-Vergleiche sowie Kosten-und Profit-Center-Rechnungen ermöglichen und die Anwendung verschiedener Bilanzierungsstandards (z.B. HGB, IFRS, US-GAAP) erlauben. Darüber hinaus ist eine Vielzahl von Standardschnittstellen zu anderen IT-Systemen erforderlich (z.B. Auskunfteien, BaFin, Bundesbank, EZB, Clearingstellen, digitale Betriebsprüfung nach GDPdU). KBS sollen skalierbar, technisch leicht integrierbar sowie plattformneutral sein.

Konzept 

KBS führen den juristischen Bestand einer Bank (dieser gibt Auskunft über die Forderungen und Verbindlichkeiten der Bank gegenüber Dritten). Kernelemente eines KBS sind (a) der Auftragsmanager, der die einzelnen Transaktionen steuert und durchführt, (b) die spartenbezogenen Programme (Kontokorrent, Einlagen etc.), die die produktrelevanten Funktionen enthalten, (c) das Hauptbuch der Bank und (d) die Datenbank(en) zur Speicherung von Informationen über Kunden, Transaktionen etc.

Da sich KBS auf die Durchführung und Abwicklung kontenbasierter Geschäftsvorfälle beschränken, müssen sie durch weitere Applikationen ergänzt werden. Dazu zählen Systeme für die Vertriebsunterstützung (insb. Kundenmanagementsoftware und Beratungsprogramme), Systeme zur Verwaltung, Abwicklung und Abrechnung von Wertpapiergeschäften, Handelssysteme, Systeme zur Steuerung des Bankgeschäfts (u.a. Controlling, internes/externes Rechnungswesen, Meldewesen, Risikomanagement, Aktiv-Passiv-Steuerung) sowie eine Vielzahl unterstützender Systeme (Personal, Materialverwaltung, Sicherheitsinfrastruktur, Betrugsmanagement/Compliance etc.).

Der Austausch eines KBS gilt als große Herausforderung, da ein Wechsel in praktisch alle Bereiche der Bank eingreift („Operation am Rückgrat der IT“). Mit Hilfe von Vorgehensmodellen wird versucht, die Komplexität eines solchen Transformationsprojekts zu beherrschen.

KBS im deutschen Bankensektor

Die beiden Großbanken betreiben noch weitgehend ihre individuell entwickelten KBS. Da sie bereits seit Jahren an der Kapazitätsgrenze dieser Systeme arbeiten, wird die Umstellung auf moderne, parametergesteuerte KBS jedoch immer dringender. Mittelgroße und  kleine Kreditinstitute des Privatbankensektors arbeiten inzwischen fast durchgehend mit extern entwickelten KBS. Dabei kommt eine Reihe von mehr oder weniger standardisierten Produkten zum Einsatz (s. Produkte).

Anders sieht die Situation in den beiden deutschen Verbundorganisationen aus. Hier werden die KBS zentral entwickelt und betrieben. (a) Die Kernbankanwendungen der Sparkassen werden von der verbundinternen Finanz Informatik GmbH & Co. KG zur Verfügung gestellt. Dort kommt das Anwendungssystem „OSPlus“ (One System Plus) zum Einsatz. Auch vier Landesbanken nutzen derzeit OSPlus. (b) In der genossenschaftlichen Organisation haben 2015 die beiden verbundinternen IT-Gesellschaften GAD eG und Fiducia IT AG zur Fiducia & GAD IT AG fusioniert. Die der ehemaligen GAD angeschlossenen Banken nutzen bisher die Gesamtbanklösung „bank21“, die an die ehemalige Fiducia angeschlossenen Banken die Lösung „agree“. Das neue gemeinsame Bankverfahren heißt „agree21“ und basiert im Kern auf agree. Bis 2019 sollen alle deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken auf das neue Anwendungssystem umgestellt werden. Das System agree wird auch von den ebenfalls genossenschaftlichen PSD Banken genutzt. Dagegen sind die Sparda-Banken der Sparda Datenverarbeitung eG angeschlossen, die als KBS die Standardsoftware MBS einsetzt. Umgekehrt nutzt eine Reihe kleinerer Privatbanken die Systeme „bank21“ und „agree“.

Die Anwendungssysteme „OSPlus“, „bank21“ und „agree“ gehen über die Funktionalität von KBS weit hinaus, da sie alle Bereiche des Bankgeschäfts mit dem Schwerpunkt Retail-Banking abdecken. Das bedeutet, dass um den zentralen Bestandteil, die Kontoführung und Umsatzverarbeitung, eine Vielzahl weiterer Applikationen angesiedelt ist, mit denen der gesamte Verkauf von Bank- und Verbundprodukten unterstützt wird. Man kann daher von Gesamtbanklösungen für Vertriebsbanken sprechen. Allerdings sind alle drei Anwendungssysteme nicht als Standard- sondern als Individualsoftware einzuordnen. Ursprünglich waren die Systeme bzw. ihre Vorgänger für die den jeweils regional tätigen Rechenzentralen angeschlossenen Primärbanken entwickelt worden. Mit der Konsolidierung der Rechenzentralen zu jeweils nur noch einer IT-Gesellschaft wurden bzw. werden auch die Anwendungssysteme konsolidiert. Diese haben sich damit zu „Quasi-Standardsoftware“ entwickelt.   

KBS im internationalen Bankensektor 

Im internationalen Bereich setzen große Banken weiterhin individuell erstellte Systeme ein, die aber auch hier immer mehr durch Standardsoftware ersetzt werden (z.B. Commonwealth Bank, Deutsche Postbank, HSBC). In Einzelfällen ist es gelungen, die eigene Plattform als Software-Standard zu etablieren und den Kunden über offene Programmier-Schnittstellen Zugang zu ermöglichen (Goldman Sachs mit ihrer Plattform „Marquee“). Damit können Kunden Teile der Software und der Datenbasis für eigene Handelsstrategien modifizieren und nutzen. In diesem Fall wird die eigene Infrastruktur der Bank zur Ertragsquelle.  

Mittelgroße und kleinere Banken setzen aufgrund ihrer geringeren Personalressourcen schon länger auf Standardsoftware für ihre Kernanwendungen (s. Produkte). 

Produkte

Eine Reihe von Anbietern steht mit Standardsoftware für die bankbetrieblichen Kernanwendungen zur Verfügung, u.a. Avaloq Banking Suite (Avaloq Licence AG), BANCOS (G&H Bankensoftware AG), Finnova Banking Software (finnova AG Bankware), KORDOBA CORE24 (Fidelity Information Services GmbH), OLYMPIC Banking System (ERI Bancaire SA), Oracle FLEXCUBE Core Banking (Oracle Corp.), SAP for Banking (SAP SE) und Temenos Core Banking (Temenos Group AG).

Neue Herausforderungen

KBS sind auf die Massenverarbeitung ausgelegt. Um diese bewältigen zu können, wurden sie in Form von (produkt- und/oder kundengruppenbezogen) Silos strukturiert (Zahlungsverkehr, Einlagen, Kredite etc.). Dieser Ansatz ermöglicht hohe Standardisierung und Automatisierung, ist aber auch gleichzeitig zu einem IT-architektonischen Problem geworden.

Die derzeit stattfindende Digitalisierung erfordert offene, flexible und prozessorientierte Systeme. So soll über alle heutigen (und zukünftigen) Kanäle auf Anwendungen und Daten zugegriffen werden können, es sollen Fintech-Unternehmen in die IT-Landschaft eingebunden werden, es soll das gesamte Geschäft kundenzentriert, d.h. integriert in die Prozesse der Kunden, ausgerichtet werden usw. Darauf sind weder die individuell erstellten Systeme noch die meisten Standardsoftwaresysteme ausgelegt. Gleichzeitig müssen die Kernanwendungen, auch aus regulatorischen Gründen, fehlerfrei funktionieren. Völlig offen ist darüber hinaus, inwiefern die aufkommende Blockchain-Technologie die KBS verändert. Sollte sich diese Technologie durchsetzen, würde das die bisherige Infrastruktur der Banken in großen Teilen obsolet machen.

Einen neuen Weg gehen Anbieter, die insbesondere neuen Wettbewerbern im Bankenmarkt (Telekommunikationsanbieter, Neugründungen u.ä.) KBS mit offener API-Infrastruktur zur Verfügung stellen. Ein Beispiel im Retail-Bereich ist das No-Stack Banking der Fidor AG, das sich auf die Cloud-basierte Banking-Infrastruktur Fidor Operating System stützt. Damit kann in kürzester Zeit ein Bankangebot aufgebaut werden, ohne ein eigenes KBS betreiben oder eine Banklizenz erwerben zu müssen. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die solarisBank mit Banking as a Platform. Hier können sich Unternehmen, die digitale Geschäftsmodelle verfolgen, die für sie erforderlichen Banking-Bausteine zusammenstellen. 

Literatur

Moormann, Jürgen; Schmidt, Günter: IT in der Finanzbranche. Heidelberg : Springer, 2007.

Mitrovich, J.; Clarkeson, J.; Baker, B.: Common Sense Core Banking Modernization: Rational approaches to achieving success. IBM Global Business Services, White Paper, Somers, NY 2011.

Puschmann, T. ; Nueesch, R. ; Alt, R.: Transformation Towards Customer-Oriented Service Architectures in the Financial Industry. Proceedings of the European Conference on Information Systems (ECIS), 2012.

Autor


  Moormann Portrait

Prof. Dr. Jürgen Moormann, Frankfurt School of Finance & Management, Bankmanagement/ProcessLab, Sonnemannstraße 9-11, 60314 Frankfurt a.M.

Autoreninfo


Zuletzt bearbeitet: 22.11.2016 14:00
Letzter Abruf: 15.12.2017 13:07
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