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Business Engineering

Business Engineering ist ein Anfang der 1990er Jahre entwickelter Ansatz zur Unternehmenstransformation. Wissenschaft und Praxis haben seither eine Vielzahl von Transformationsmethoden hervorgebracht.

Charakteristika des Managementansatzes

Business Engineering (BE) bezeichnet die methoden- und modellbasierte Konstruktionslehre für Veränderungsvorhaben in Unternehmen des Informationszeitalters [Winter 2008, S. 31]. Der Begriff „Engineering“ unterstreicht, dass es sich um einen ingenieurwissenschaftlichen Ansatz handelt. Durch ein arbeitsteiliges und systematisches „Konstruieren“ unterscheidet sich Business Engineering vom individualistischen „Schaffen“ [Winter 2003, S. 88]. Ziel des Ansatzes ist es, „innovative Geschäftslösungen so professionell wie Flugzeuge oder Fertigungsanlagen zu entwickeln“ [Österle, Blessing 2005, S. 7].

Business Engineering leitet die Unternehmen im Übergang vom Industrie- zum Informationszeitalter. Neben Veränderungen der Umwelt (Märkte, Kunden, Werte etc.) geht BE davon aus, dass insbesondere Innovationen aus dem Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien neue Geschäftslösungen ermöglichen. Business Engineering bringt betriebswirtschaftliches und informationstechnisches Wissen zusammen und verbindet es mit weiteren Aspekten der Transformation, von Darstellungsmitteln über Vorgehensmodelle bis hin zu kulturellen und politischen Gesichtspunkten [Senger 2004, S. 30].

Business Engineering bedeutet:

  • Transformationsmanagement – Der technische und fachliche Entwurf ist nur ein Aspekt der Unternehmenstransformation. Die fachliche Geschäftslösung muss schließlich von den Betroffenen verstanden, gewollt und bewältigt werden. Kulturelle und politische Faktoren sind daher ebenso einzubeziehen (Change Management).

  • Trennung von Gestaltungsebenen – Eine Aufteilung der Transformationsaufgaben in verschiedene Ebenen (für strategische, organisatorische und technologische Gestaltungsdimensionen) strukturiert den Transformationsprozess.

  • Ganzheitlichkeit – Business Engineering zielt darauf ab, alle Aspekte, die über den Erfolg eines Transformationsprojektes entscheiden, zu beherrschen. Es umfasst also alle Gestaltungsebenen sowie die technische bzw. fachliche, politische und kulturelle Dimension einer neuen Geschäftslösung.

  • Ingenieurmäßiges Vorgehen – Methoden systematisieren den Transformationsprozess. Grundlage dafür ist das Method Engineering (vgl. [Gutzwiller 1994, S. 11ff]). Business Engineering ist ergebnisorientiert, definiert Techniken zur Erstellung der Ergebnisse, beschreibt den Gestaltungsbereich der Methode durch ein Metamodell, strukturiert das Vorgehen in einer Folge von Aktivitäten und definiert notwendige Rollen für die Transformation.

Damit zielt das Business Engineering auf den gesamten Gestaltungsprozess, von der Strategiefindung über die Entwicklung von Geschäftsmodellen bis hin zur Organisations- und Systementwicklung. Im Sinne der permanenten Weiterentwicklung wirkt es auch im laufenden Betrieb [Österle 2007].

Historie

Anfang der 1990er Jahre entwickelten einzelne Vertreter der Managementlehre sowie große Beratungsunternehmen und Softwarehäuser Ansätze zur Bewältigung des Wandels von der Industrie- zur Informationsgesellschaft. Begriffe wie „Business Process Reengineering“ [Hammer, Champy 1993], „Business Process Improvement“ [Harrington 1991] oder „Process Innovation“ [Davenport 1993] lösten in der westlichen Welt eine breite, allerdings modisch überhöhte Bewegung aus [Österle 1995, S. 13]. Während die genannten Ansätze die Transformation zu sehr auf die Geschäftsprozesse reduzierten, zielt das Business Engineering auf die Neugestaltung der Wirtschaft auf Basis informationstechnischer Möglichkeiten ab (vgl. auch [Davenport/Short 1990]).

Methoden des Business Engineering

Die deutschsprachige Wirtschaftsinformatik hat einen reichen Fundus an Methoden zur Transformation von Unternehmen hervorgebracht. Zu nennen sind Ansätze wie die Multiperspektivische Unternehmensmodellierung (MEMO) [Frank 1994], der St. Galler Ansatz des Business Engineering [Österle 1995], die Architektur integrierter Informationssysteme (ARIS) [Scheer 1996], das Semantische Objektmodell (SOM) [Ferstl, Sinz 2001] sowie das Business Process Management Systems (BPMS) Paradigma, auf dem das kommerzielle Geschäftsprozessmanagement-Werkzeug ADONIS basiert [Karagiannis et al. 2002].

Andere Ansätze wie der Grazer Ansatz zur Geschäftsprozessmodellierung [Suter 2004]  und die Methode zur Objektorientierten Geschäftsprozessmodellierung (OOGPM) mit der Unified Modeling Language (UML) [Oestereich et al. 2004] fokussieren lediglich auf wichtige Teilgebiete der Transformation.

Im angelsächsichen Raum lassen sich zwei Ansätze finden, die aufgrund ihrer Bezeichnung auf eine dem BE-Ansatz folgende ganzheitliche Unterstützung bei der Unternehmenstransformation schließen lassen. Doch weder das Business Modelling nach [Holsapple, Varghese, Raghav 2002] noch die Arbeit von [Nilsson, Tolis, Nellborn 1999] differenzieren und verbinden die  Gestaltungsebenen von Transformationsprojekten.

Die Notwendigkeit, den Business Engineer mit effizienten Werkzeugen für die Unternehmenstransformation zu versorgen, machte aufgrund der gewachsenen Vielzahl an Methoden und der damit verbundenen Unübersichtlichkeit eine Konsolidierung in einem verschlankten Methodenkern erforderlich. Dieser Methodenkern basiert weitgehend auf der Methodenfamilie des St. Galler Ansatzes und umfasst ein konsolidiertes sowie auf die wesentlichen Gestaltungselemente reduziertes Metamodell (siehe hierzu [Österle et al. 2007]), zentrale Techniken zur Erstellung von Ergebnisdokumenten, ein generisches Vorgehensmodell (Aktivitäten) und Rollenbeschreibungen [Höning 2009, Österle et al. 2011].

Literatur

Davenport, Thomas H.: Process Innovation : Reengineering Work through Information Technology. Boston : Harvard Business School Press, 1993.

Davenport, Thomas H. ; Short, James E.: The New Industrial Engineering : Information Technology and Business Process Redesign. In: Sloan Management Review 31 (1990), Nr. 4, S. 11 – 27.

Ferstl, Otto ; Sinz, Elmar: Grundlagen der Wirtschaftsinformatik. 4. Auflage. München : Oldenbourg, 2001.

Frank, Ulrich: Multiperspektivische Unternehmensmodellierung : Theoretischer Hintergrund und Entwurf einer objektorientierten Entwicklungsumgebung. München : Oldenbourg, 1994.

Gutzwiller, Thomas: Das CC RIM-Referenzmodell für den Entwurf von betrieblichen, transaktionsorientierten Informationssystemen. Heidelberg : Physica, 1994.

Hammer, Michael ; Champy, James: Reengineering the Corporation. New York : Harper Business, 1993.

Harrington, H. James: Business Process Improvement. New York : McGraw-Hill, 1991.

Höning, Frank: Methodenkern des Business Engineering : Metamodell, Vorgehensmodell, Techniken, Ergebnisdokumente und Rollen. St. Gallen, Universität, Institut für Wirtschaftsinformatik. Dissertation 2009.

Holsapple, Clyde ; Varghese, Jacob ; Raghav, Rao: Business Modelling : Multidisciplinary Approaches : Economics, Operational, and Information Systems Perspectives (in Honor of Andrew B. Whinston). Boston : Kluwer Academic, 2002.

Karagiannis, Dimitris ; Kühn, Harald: Metamodelling Platforms, In: Bauknecht, Kurt; Min Tjoa, A; Quirchmayer, Gerald (Hrsg.): Proceedings of the Third International Conference EC-Web 2002 – Dexa 2002, Aix-en-Provence, France, September 2-6, 2002, LNCS 2455, Berlin, Heidelberg: Springer 2002, S. 182.

Nilsson, Anders ; Tolis, Christofer ; Nellborn, Christer: Perspectives on Business Modelling : Understanding and Changing Organisations. Berlin : Springer, 1999.

Oestereich, Bernd ; Weiss, Christian ; Schröder, Claudia ; Weilkiens, Tim ; Lenhard, Alexander: Objektorientierte Geschäftsprozessmodellierung mit der UML. korr. Nachdruck der 1. Auflage. Heidelberg : dpunkt.verlag, 2004.

Österle, Hubert: Business Engineering : Prozess- und Systementwicklung. 2. Auflage. Berlin : Springer, 1995.

Österle, Hubert ; Blessing, Dieter: Ansätze des Business Engineering. In: Strahringer, Susanne (Hrsg.): Business Engineering. HMD 42 (2005), Nr. 241, S. 7 – 17.

Österle, Hubert ; Höning, Frank ; Osl, Philipp: Methodenkern des Business Engineering : Ein Lehrburch. St. Gallen : University of St. Gallen, Institute of Information Management, 2011. Online abrufbar unter: http://www.alexandria.unisg.ch/Publikationen/einfache-Suche/215432

Österle, Hubert ; Winter, Robert ; Höning, Frank ; Kurpjuweit, Stephan ; Osl, Philipp: Business Engineering : Core-Business-Metamodell. In: Wisu - Das Wirtschaftsstudium 36 (2007), Nr. 2, S. 191 – 194.

Österle, Hubert: Business Engineering – Geschäftsmodelle transformieren, In: Loos, Peter; Krcmar, Helmut (Hrsg.): Architekturen und Prozesse. Berlin Heidelberg: Springer 2007, S. 71 – 84.

Scheer August-Wilhelm: ARIS-House of Business Engineering : Von der Geschäftsprozessmodellierung zur Workflow-gesteuerten Anwendung; vom Business Process Reengineering zum Continuous Process Improvement. IWi-Heft 133. Saarbrücken : Universität des Saarlandes, 1996.

Senger, Enrico: Zum Stand der elektronischen Kooperation : Fallstudien, Muster und Handlungsoptionen. Bamberg : Difo-Druck, 2004.

Suter, Andreas: Die Wertschöpfungsmaschine. Zürich : Verlag Industrielle Organisation, 2004.

Winter, Robert: Modelle, Techniken und Werkzeuge im Business Engineering. In: Österle, Hubert (Hrsg.) ; Winter, Robert (Hrsg.) : Business Engineering : Auf dem Weg zum Unternehmen des Informationszeitalters. 2. Auflage. Berlin : Springer, 2003, S. 87 – 118.

Winter, Robert: Business Engineering — Betriebswirtschaftliche Konstruktionslehre und ihre Anwendung in der Informationslogistik. Dinter, Barbara (Hrsg.) ; Winter, Robert (Hrsg.) : Integrierte Informationslogistik. Berlin Heidelberg: Springer, 2008, S. 17 – 37.

Autor


 

Prof. Dr. Hubert Österle, Universität St. Gallen, Institut für Wirtschaftsinformatik, Müller-Friedberg-Strasse 8, CH-9000 St. Gallen

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Zuletzt bearbeitet: 11.09.2013 09:05
Letzter Abruf: 23.03.2017 15:12
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